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Tschüss, Trollinger? Winzer werkeln an schwäbischem Zechwein

«Brot- und Butterwein» Tschüss, Trollinger? Winzer werkeln an schwäbischem Zechwein

Der Trollinger gehört zum Schwabenland wie Spätzle und Zwiebelrostbraten. Doch der Zechwein hat keinen allzu guten Ruf - die Anbaufläche sinkt, andere Weine drängen nach vorne. Nun steuern manche Winzer um.

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Weintrauben der Rebsorte Trollinger haben viel Fruchtfleisch, im Schalenteil jedoch sitzen die Gerbstoffe für den Geschmack.

Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Stuttgart. Bei ihrer heimischen Rebsorte kommt so manch Schwabe ins Schwärmen. „Der Trollinger ist Nationalgetränk“, sagt Martha Knobloch, die 1950 erste Württemberger Weinkönigin war. Hermann Hohl, Präsident vom regionalen Weinbauverband, sagt: „Der Trollinger ist für uns wie Muttermilch.“

Der süffig-leichte Zechwein ist ein Phänomen - nirgendwo sonst in Deutschland wird ein Anbaugebiet so sehr geprägt von einer rein regionalen Rebsorte. Doch das Interesse sinkt: Immer mehr Winzer setzen auf andere Trauben.

Knobloch und Hohl sitzen in einer Stuttgarter Veranstaltungshalle, die Krönung der Württemberger Weinkönigin 2017 steht an. Hohl ist Gastgeber, die hoch betagte Knobloch einer von 400 Gästen. Es gibt Riesling, Spätburgunder, Lemberger und ... Trollinger? Die Dame am Ausschank wundert sich über die Frage. Eigentlich müssten Trollinger-Flaschen da sein, sagt sie. Doch sie findet keine.

Solche Szenen sind symptomatisch für die Situation des Trollingers. Zwar gibt es weiter vehemente Fürsprecher, zugleich aber rückt die Rebsorte langsam aus dem Fokus. „Man kann mehr rausholen aus seinem Weinberg mit anderen Rebsorten“, sagt der Stuttgarter Winzer Hans-Peter Wöhrwag. Er hat den Trollinger-Anteil auf seinem 22 Hektar großen Betrieb deutlich reduziert: Als er 1990 von seinen Eltern übernahm, waren es sechs Hektar, heute sind es 0,8. Die Riesling-Fläche hingegen baute er aus.

Ein Grund: der deutschlandweite Trend zu edlerem Wein. „Die Leute trinken weniger, dafür aber besseren Wein - der Trollinger gehört nun mal zu den einfachen Weinen“, sagt der 55-Jährige. „Mit einfach meine ich nicht schlecht - zu Linsen und Spätzle passt er hervorragend.“

Wöhrwag ist kein Einzelfall - auch insgesamt sinkt das Interesse am Trollinger langsam, aber stetig. Wurde die Rebsorte 2006 auf 2483 Hektar in Württemberg angebaut, so waren es laut Deutschem Weininstitut 2016 nur noch 2195 Hektar, ein Rückgang von 12 Prozent. Zwar ist der Trollinger noch immer stärkste Rebsorte Württembergs, doch der Platz 1 wackelt angesichts des aufstrebenden Rieslings.

Der Trollinger war lange so etwas wie der Kassenschlager im schwäbischen Weinbau. Die Trauben haben einen enormen Ertrag, im Vergleich zu anderen Sorten können sie das Doppelte an Menge bringen. Die Kehrseite: Bei der Ernte fällt zwar viel Fruchtfleisch an, aber der Schalenanteil ist relativ gering - dort aber sitzen die für den Geschmack so wichtigen Gerbstoffe sowie die Farbstoffe. Der kleine Schalenanteil führt zur leichten, süffigen Art des Trollingers, der mit seinem hellen Rot mitunter fast wie ein Rosé wirkt und mit circa 10 Prozent relativ wenig Alkohol hat. „Trollinger, in kleine Gläsle genossa, schadet au in größere Menga net“, lautet ein alter schwäbischer Trinkspruch.

Solche Zeiten seien längst vorbei, sagt Dieter Blankenhorn, Chef der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Obst- und Weinbau (LVWO). Er erklärt das abnehmende Interesse am Trollinger mit einem gesellschaftlichen Wandel: „Früher hat man auch tagsüber bei schwerer körperlicher Arbeit Wein getrunken, das war ein Lebensmittel.“ Der „Brot- und Butter-Wein“ sei bezahlbares Alltagsgut gewesen. Zudem habe der Rotwein-Boom seinen Höhepunkt überschritten - das setze auch den Trollinger unter Druck, sagt er.

Der Trollinger werde auch künftig eine prägende Rolle spielen für das Weinbaugebiet, meint Blankenhorn. „Ein Württemberger Betrieb braucht auf jeden Fall Trollinger im Anbau und im Angebot - das ist unsere Tradition und unser Profil.“

Der Weinhändler Bernd Kreis ist anderer Meinung - der Stuttgarter ist ein Kritiker des Trollinger-Anbaus. Gut zwei Jahrzehnte ist es her, da trat er im Stuttgarter Landtag bei einer Weinbranchen-Anhörung auf. Seine Botschaft damals: Raus mit dem Trollinger, denn der Zechwein mache das Image der Weinregion kaputt. Der Aufschrei war groß. „Ich wurde sogar als „Trollinger-Mörder“ bezeichnet“, erinnert sich Kreis, der 1992 als bester Sommelier Europas ausgezeichnet worden war. Als Rebsorte sei Trollinger zwar sehr interessant, aber im Anbau und in der Pflege enorm anspruchsvoll. „Der Trollinger will gehegt werden und den schönsten Platz haben auf dem Weinberg.“

Tatsächlich steht das Gewächs in sonnigen Steillagen. Um Mehrkosten für die aufwendige Bewirtschaftung auszugleichen, setzten viele Weingärtner auf Masse - sie holten so viel Ertrag wie möglich raus, so Experte Kreis. Das gehe zu Lasten der Qualität, etwa wenn aufgeplatzte Beeren mitgeerntet und nicht aussortiert werden. „Aus vielen unserer besten Lagen wird schlechter Wein gekeltert.“

Beim Krönungsfest der Württemberger Weinkönigin gibt es dann doch Trollinger - man habe einige Flaschen gefunden, sagt die Bedienung. Das Rot ist überraschend dunkel, der Geschmack kräftig. Es gebe vorzügliche Trollinger, sagt Sommelier Kreis. Bei richtigem Ausbau könne der Wein zum Image des Anbaugebiets beitragen. Immer mehr heimische Winzer investierten in Weinberge mit Trollinger, um aus den Trauben hervorragenden Wein zu machen. Doch richtig begeistert ist Kreis nicht: „Täten sie das mit anderen, komplexeren Rebsorten wie Lemberger und Spätburgunder, hätten sie mehr Freude daran.“

dpa

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