Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Senioren besitzen zumeist gute Zähne

Rostock Senioren besitzen zumeist gute Zähne

Pflegeheimbewohner haben oft Probleme mit der Zahnpflege

Rostock. Der Sims an der Eingangstür ist nur ein kleines Hindernis. Birgit Jahncke hebt den Rollstuhl vorn leicht an. „Kein Problem“, sagt die couragierte 54-Jährige. Im Rollstuhl sitzt ihre Mutter Ingelore Borchert (76), eine zierliche Person mit grauem Haar.

Birgit Jahncke schiebt den Rollstuhl in die Zahnarztpraxis von Gerald Flemming im Rostocker Stadtteil Dierkow. Der Diplom-Stomatologe rangiert den Rollstuhl ins Zimmer. Seine Patientin kann darin sitzenbleiben, denn die Armaturen der Dentaleinheit sind beweglich und können direkt über den Rolli gefahren werden. Licht an. Die Patientin öffnet bereitwillig den Mund. Die Behandlung beginnt.

Ingelore Borchert ist an Parkinson erkrankt. Sie lebt in einer Pflegeeinrichtung und wird dort, so oft es geht, von der Tochter betreut. Dazu gehört auch der Zahnarztbesuch. Die alte Dame trägt eine Prothese. „Kürzlich ist sie heruntergefallen“, erzählt die Tochter. Dabei war ein kleines Stück abgebrochen. Gerald Flemming hat sie wieder repariert.

In Deutschland kann der Arzt frei gewählt werden. Was aber ist mit denen, die pflegebedürftig sind und in einer stationären Einrichtung leben?

Seit 2014 gibt es eine Vereinbarung zwischen der Zahnärztekammer und den Krankenkassen, die die Versorgung in Pflegeeinrichtungen regelt. Die Heime können sich an feste Zahnärzte binden, die die Behandlungen übernehmen. „Etwa 70 Zahnärzte arbeiten in Mecklenburg-Vorpommern im Rahmen dieser Vereinbarung“, sagt Flemming, Öffentlichkeitsreferent der Kammer in MV.

Birgit Jahncke hat sich gegen eine solche Betreuung entschieden. Sie geht lieber zu ihrem Zahnarzt, der seit mehr als 30 Jahren die Familie betreut. Eltern, Kinder, Enkel – nun auch die Großeltern.

Denn Birgit Jahncke, die voll berufstätig ist, pflegt zu Hause auch noch die Schwiegermutter. „Da ist eine gute Planung notwendig“, sagt sie. Ihre Mutter muss sie beispielsweise vom Heim nach Dierkow und wieder zurückfahren.

Wenn es nötig ist, besucht Flemming seine Patientin in der Pflegeeinrichtung. „Ich habe einen Notfallkoffer für einfache Behandlungen“, sagt er. Aufwendigere Arbeiten müssen aber in der Praxis stattfinden. Denn nicht immer ist es mit einer Mini-Reparatur der Prothese getan. „Die Versorgung älterer Menschen hat unseren Beruf völlig verändert“, sagt der Fachmann.

Der Trend geht in Richtung Erhalt der eigenen Zähne. Früher hatten Oma und Opa gewöhnlich die Dritten. Das hat sich gewandelt. Heute verfügt nur noch jeder achte Senior, der zwischen 65 und 74 Jahren alt ist, über keine eigenen Zähne mehr. Zum Vergleich: 1997 war jeder Vierte zahnlos.

Heute besitzen jüngere Senioren durchschnittlich fünf Zähne mehr als vor 20 Jahren. Das eröffnet neue Möglichkeiten für die Prothetik, denn an den eigenen Zähnen kann Ersatz verankert werden.

Das bedeutet aber auch, dass mehr eigene Zähne behandelt und gepflegt werden müssen. Karies und Parodontitis müssen bekämpft werden. Laut Angaben der Bundeszahnärztekammer ist die Mundgesundheit der Senioren heute deutlich besser als noch 2005. Typische Erkrankungen treten später auf: Ältere Senioren (75 bis 100 Jahre) haben heute Beschwerden, die vor gut zehn Jahren noch die jüngeren Senioren (65 bis 74) aufwiesen.

Etwas anders sieht das bei Bewohnern in Pflegeeinrichtungen aus. Sie haben mehr Karies, weniger eigene Zähne und häufiger herausnehmbaren Zahnersatz. Rund 30 Prozent von ihnen können ihre Zähne nicht mehr allein pflegen, geschweige denn einen Termin beim Zahnarzt organisieren. Es fällt ihnen extrem schwer, ihre Beschwerden zu benennen.

Das war bei Ingelore Borchert Weihnachten 2015 der Fall. Sie aß nicht richtig, die Tochter wurde stutzig. Die Prothese war nicht in Ordnung. „Man muss als pflegender Angehöriger sehr genau hinsehen und kleine Veränderungen wahrnehmen“, empfiehlt sie.

Dieses Mal ist bei der alten Dame alles in Ordnung – der Kontrolltermin schnell erledigt. Kurz darauf fahren Mutter und Tochter zurück in die Pflegeeinrichtung.

Matthias Schümann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Stralsund
Dr. Martin Reinhold drückt nach der Akupressurmethode bestimmte Stellen auf dem rechten Fuß von Ramona S. Die Patientin unterstützt die Schmerzbehandlung mit einer erlernten Atemtechnik.

Ramona S. wurde in der Tagesklinik Schmerz des Hanseklinikums mit ganzheitlicher Therapie geholfen

mehr
Mehr aus Familie Senioren und Kinder