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Glamour und Provokation: Die 1920er strahlen bis heute aus

Stuttgart Glamour und Provokation: Die 1920er strahlen bis heute aus

Rauschende Feste, reich bestickte, mit Pailletten besetzte Kleider, rauchende Frauen. Das waren die 20er Jahre. Bis heute strahlt das Jahrzehnt aus. Und so gibt es in der heutigen Mode viele Parallelen zu den Goldenen Zwanzigern.

Stuttgart. Es war die Zeit des Aufbruchs, der Provokation, der Kritik: Die 1920er Jahre haben in der Gesellschaft ihre Spuren hinterlassen, ob in der Kunst, in der Musik - und natürlich in der Mode.

„Der Glamour strahlt nach wie vor aus“, sagt Robert Herzog von der Staatlichen Modeschule Stuttgart. Dabei steht vor allem die Emanzipation der Frau im Vordergrund - die durch Kleidung, Make-up und Frisur auch ganz offensichtlich nach außen getragen wurde.

Der Erste Weltkrieg begünstigte Bewegung, erklärt Imageberaterin Stephanie Zarnic. Die Frau fing an zu arbeiten - auch aufgrund des Männermangels. „Im Prinzip hat man gemerkt, dass die Korsetts und die Mode der vergangenen Jahrzehnte einengt.“ Das Korsett wurde also abgelegt, die Frau befreite sich modisch. „Man hat angefangen, Hosen zu tragen“, sagt Zarnic.

Einige Mode-Ikonen lieferten hier wichtige Beiträge: Coco Chanel etwa hatte einen großen Anteil daran, die Frauen aus dem Korsett zu holen, sagt Zarnic. Und auch Marlene Dietrich war ein Vorbild in dieser Zeit - und ist das noch heute: Nicht umsonst wird die Hose im Marlene-Schnitt von den Experten der Branche schon seit Monaten als Trend angepriesen.

Diese praktische Seite lieferte einen großen Hype der Zeit: „die Vermännlichung der weiblichen Kleidung“, bezeichnet Herzog die Entwicklung. Die Frau im Herrenanzug - dieses Bild verdeutlicht, was in der Mode zum Teil angestrebt wurde: Androgynität nämlich, sagt Zarnic. Neben der Hose wurden die Kleider ganz gerade im Schnitt, „die Taille hat keine Rolle mehr gespielt“. Und die Haare kamen ab - der Pagenschnitt hielt auf den Frauenköpfen Einzug.

Genau diese androgyne Thematik ist auch heute wieder hochaktuell. „In der Mode passiert es immer wieder, von der Vergangenheit zu zitieren“, sagt Gerd Müller-Thomkins vom Deutschen Mode-Institut (DMI) in Köln. Und Herzog fügt hinzu: „Dieser androgyne Touch in der Mode ist gerade extrem da.“ So sind etwa derzeit weite Bundfaltenhosen auch bei den Frauen angesagt. Und sie tragen hoch geschlossene Hemdblusen.

Doch nicht nur hier sieht Müller-Thomkins Parallelen zwischen der heutigen Modewelt und den 20er Jahren: Auch beim Thema Asymmetrie findet sich ein Zitat aus früheren Zeiten. „Asymmetrie war ein Element der 20er Jahre.“ Heute spiegelt sich das in Rockformen und Mänteln wieder. Durch die Asymmetrie - etwa bei Röcken - kommt mehr Bein zum Vorschein. Solche Schnitte - auch die in den 20er Jahren insgesamt kürzer werdenden Röcke - waren gemacht, um zu provozieren, erzählt Zarnic. Die Frauen wollten auch zeigen: Wir tanzen, wir trinken, wir rauchen, wir flirten, „wir sind Vamps statt Ehefrau“.

Dieser Wunsch fand vor allem in der Ausgeh-Mode Ausdruck: Das knielange Shiftkleid kam in Mode - ohne Taille mit dem Gürtel auf der Hüfte. Die Kleider waren recht durchsichtig - auch diese Transparenz ist heute wieder in den aktuellen Kollektionen zu sehen. Der klaren Linie wurde dann eine extreme Stofflichkeit entgegengesetzt: reich geschmückte Materialien, mit Pailletten und Federn. „Der Lebenshunger war enorm, die Lust aufs Experiment“, erklärt Herzog, wie es zu dem Wunsch nach Feiern, Ausgelassenheit und neuen Kleidungsformen kam.

Und die Männermode aus dieser Zeit? „Die Männer haben den Fokus gelegt auf elegante Kleidung“, sagt Zarnic. Das heißt Anzüge mit Nadelstreifen, an den Füßen Budapester Schuhe, gegelte Haare und - ganz wichtig - der Hut. Dieser klassische Herrenhut ist heute auch wieder zu sehen. Vor allem in den jüngeren Generationen entdeckten die Männer das Alte wieder, neben dem Hut etwa auch die Krawatte und die Fliege, sagt Müller-Thomkins. Übrigens: Die Budapester Schuhe entdeckt heute auch die Frauenmode für sich, gibt Zarnic ein weiteres Beispiel, wo sich Elemente der 20er finden lassen.

Müller-Thomkins sieht eine weitere Parallele bei den Herren im Tailoring. In den 20ern steckte man im Übergang der Maßschneiderei zur Maßkonfektion zur industriellen Fertigung von Bekleidung. Heute gibt es auch wieder Maßkonfektion. In der schnelllebigen Gesellschaft entdeckt ein Teil das Handwerkliche wieder, schätzt die Wertigkeit von Kleidung.

dpa/tmn

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