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Die Erben der Pilzfrau

Wismar Die Erben der Pilzfrau

Die Berater in Wismar feiern Jubiläum / Erste Anlaufstellen in der Nachkriegszeit aufgebaut

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1964: Wismars „Pilzfrau“ Annalotte Heinrich (l.) mit Hans-Jürgen Willsch, der noch heute ein aktiver Pilzfreund ist, und einem unbekannten Mädchen.

Wismar. . Reinhold Krakow und seine Pilzberatung sind in Wismar eine Institution. Er setzt fort, was er in den 1960er-Jahren von der stadtbekannten „Pilzfrau“ Annalotte Heinrich gelernt hat. „Zu ihr konnte man jederzeit mit Pilzen kommen – ich glaube, sogar mitten in der Nacht“, sagt Reinhold Krakow (58) und lacht.

OZ-Bild

Die Berater in Wismar feiern Jubiläum / Erste Anlaufstellen in der Nachkriegszeit aufgebaut

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Seit Mitte der 1950er-Jahre gibt es Aufzeichnungen über eine Pilzberatung in Wismar, „aber sie hat mit Sicherheit viel früher begonnen“, erklärt Reinhold Krakow. Er und Dr. Björn Berg (52), Vorsitzender der Gemeinnützigen Gesellschaft Wismar e.V., sind ziemlich sicher, dass es Beratungen in der Hansestadt schon seit mindestens 70 Jahren gibt. Das wird jedenfalls am Dienstag, 23. Mai, ab 18 Uhr im Technologie- und Gewerbezentrum (TGZ, Alter Holzhafen 19) mit Vorträgen und Gesprächen gefeiert. Als Gast und Redner wird unter anderem der Landespilzsachverständige Oliver Duty erwartet.

Björn Berg und Reinhold Krakow begründen ihre Vermutung über das hohe Alter der Pilzberatung mit Recherchen im Internet. Dort hat Reinhold Krakow herausgefunden, dass Pilze im Dritten Reich als sehr nahrhaft und gesund propagiert wurden. „Vermutlich sollte das den Mangel an anderen Lebensmitteln mildern“, sagt Krakow. Nach Kriegsende, als Hunger der alltägliche Begleiter war, wurden die Pilze als Nahrungsmittel noch wichtiger. Allerdings kam es auch verstärkt zu Vergiftungen, oft mit tödlichem Ausgang. „In der damaligen Ostzone wurden Pilzberatungsstellen aufgebaut, wo sich die Leute informieren konnten“, berichtet der 58-Jährige. Er ist sicher, dass in der frühen Nachkriegszeit auch eine in Wismar gegründet wurde.

Reinhold Krakow grinst: „Wissen Sie überhaupt, dass die OSTSEE-ZEITUNG Schuld daran ist, dass ich mich für Pilze interessiere?“ Als Kind habe er in den frühen 1960er-Jahren darin das Foto von einem Pilz und einen Artikel dazu entdeckt. „Mein Interesse war sofort geweckt.“ Er habe versucht, ein Buch zur Pilzbestimmung zu kaufen, „aber es gab natürlich keins“. Das Glück des jungen Reinhold Krakow: einer seiner Spielkameraden kannte Annalotte Heinrich und machte beide miteinander bekannt. Schnell wurde aus dem wissbegierigen Jungen einer der treuesten Gefolgsleute von Wismars „Pilzfrau“. Pilzberatungen, die zum Bereich der Kreishygieneinspektion gehörten, durfte aber nicht jeder x-Beliebige machen. „Drei Jahre dauerte die Ausbildung, und dann musste man wenigstens 100 Pilzarten sicher bestimmen können. Wer es nicht schaffte, war raus“, erinnert sich Wismars bester Pilzkenner. Als junger Mann trat Reinhold Krakow mit Sigrid und Heinrich Steinbrecher Ende der 1970er-Jahre die Nachfolge von Annalotte Heinrich an. „Das war in so jungen Jahren für mich natürlich eine große Ehre“, sagt er. Nach der Wende und dem Verlust des Arbeitsplatzes – die Großbäckerei, in der Krakow arbeitete, wurde geschlossen – kümmerte er sich ganz um Pilze. „Aber leider hatte die Pilzberatung nicht mehr den Stellenwert wie früher.“

Dank verschiedener Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) konnte Reinhold Krakow die Pilzberatung in Wismar aufrechterhalten. Seit 2004 sind die Wismarer Pilzfreunde Mitglieder der Gemeinnützigen Gesellschaft. „Und das erleichtert mir die Arbeit um einiges, gerade was den Verwaltungs- und Papierkram angeht“, sagt der Pilzberater und lacht. Er könne seinen Fokus nun ganz auf die Pilze legen.

Björn Berg schaut ein bisschen neidisch auf den großen Korb voller Maipilze. „Ich muss zugeben, früher bin ich mit meiner Mutter zum Pilzesammeln in den Wald gegangen, aber zu einer Exkursion mit Reinhold Krakow hat es noch nicht gereicht.“ Das stehe aber ziemlich weit oben auf seiner Wunschliste.

Festveranstaltung: 70 Jahre Pilzberatung in Wismar, Dienstag, 23. Mai,

18 Uhr, TGZ, Alter Holzhafen 19

Einzige Dauerausstellung mit frischen Exemplaren

Das Mykologische Informationszentrum Steinpilz in Wismar führt von April bis November öffentliche Lehrwanderungen durch.

Die Dauerausstellung: „Unsere Großpilze im Wandel der Jahreszeiten“ ist wahrscheinlich die einzige, ständige Frischpilzausstellung in Deutschland. Gezeigt werden je nach saisonalem Angebot 50 bis 150 einheimische Großpilzarten.

Die Pilzfreunde beteiligen sich an der Kartierung der Pilzflora im Nordwesten Mecklenburgs. Mit dem Umweltamt entstand die Broschüre „Großpilze der Hansestadt Wismar“.

Kontakt: Mykologisches Informationszentrum Steinpilz: ABC Straße 21, 23966 Wismar,☎ 03841/228917, Mobil: 0173/6977219, E-Mail:

steinpilz.wismar@t-online.de

Sylvia Kartheuser

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