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Population wächst: Seeadler im Aufwind

Ribnitz-Damgarten/Bergen/Wolgast Population wächst: Seeadler im Aufwind

Mehr Brutpaare auf Rügen und Usedom / Bestand auf dem Festland stagniert aber

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Seeadler werden bis zu 40 Jahre alt.

Quelle: Foto: Mario Müller

Ribnitz-Damgarten/Bergen/Wolgast. Der Seeadlerbestand in der Region ist auch in diesem Jahr wieder angewachsen. 93 Brutpaare wurden in Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald gezählt, teilte Mario Müller, ehrenamtlicher Seeadlerkoordinator für Mecklenburg-Vorpommern mit. Im vergangenen Jahr waren es noch 87 Brutpaare. Besonders auf der Insel Rügen scheint sich der Raubvogel wohlzufühlen. Dort wurde mit 40 Brutpaaren fünf mehr entdeckt als 2016. Auf der Insel Usedom gab es eine „Neuansiedlung“ – 27 Brutpaare sind es hier. Zumindest stabil blieb der Bestand im ehemaligen Landkreis Nordvorpommern. 26 Brutpaare zählte Mario Müller hier.

OZ-Bild

Mehr Brutpaare auf Rügen und Usedom / Bestand auf dem Festland stagniert aber

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In den vergangenen Jahrzehnten war der Seeadler stark bedroht, vor allem durch den Einsatz des Insektizides Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) in den 1940er bis 1960er Jahren. Ab Anfang der 1970er Jahre wurde der Stoff verboten. Die Aufnahme von DDT führte bei Greifvögeln dazu, dass sie Eier mit dünner Schale legten und damit die Brut gefährdet wurde. Die Eier zerbrachen oder die Embryonen starben ab. „Damals war der Seeadler so gut wie ausgestorben“, sagt Mario Müller.

Aus MV in die Republik

Seit den 1980er Jahren wächst die Zahl der Seeadler wieder an, und zwar deutschlandweit. Dabei kann Mecklenburg-Vorpommern als „Keimzelle“ des Populationswachstums der Seeadler in Deutschland bezeichnet werden. Mit insgesamt etwa 400 Brutpaaren lebt laut Müller etwa die Hälfte aller Seeadlerpärchen in MV. Vor allem in den neuen Bundesländern, mittlerweile aber auch in Nordrhein-Westfalen und Bayern sind Seeadler gesichtet worden.

Eine Besonderheit in unserer Region in diesem Jahr ist, dass gleich zweimal drei Jungvögel in einem Horst geschlüpft sind. „Das ist sehr selten. Nur ein bis zwei Prozent der Brutpaare haben drei Jungvögel“, sagt Mario Müller. In fünf bis sechs Jahren sind die Jungadler geschlechtsreif. Bis dahin, so Müller, überlebt allerdings nur die Hälfte eines Jahrgangs. „Aber die Bruterfolgsrate ist gut. Wir haben mehr Jungvögel, als Erwachsene Seeadler sterben“, so der Experte. Von Dierhagen bis Wolgast sind insgesamt 85 Jungvögel gezählt worden, darunter 41 auf Rügen, 23 im Bereich Nordvorpommern und 21 auf Usedom. Viele von ihnen dürften sich in anderen Regionen Deutschlands niederlassen. „Bei uns sind viele gute Reviere besetzt“, sagt Müller. Gleichwohl sieht er noch Potenzial. „Bei etwa 500 Paaren dürfte die Obergrenze für Mecklenburg-Vorpommern liegen.“

Wasser bedeutet Nahrung

Auf Deutschlands größter Insel scheinen sich die Seeadler besonders wohlzufühlen. „Rügen hat eine wasserreiche und strukturreiche Landschaft. Viel Wasser bedeutet viel Nahrung“, sagt Mario Müller. Seeadler ernähren sich vor allem von Fischen und Wasservögeln, aber auch Aas. Usedom und Rügen seien optimale Nahrungshabitate.

In Nordvorpommern ist das offenbar etwas schwieriger. Im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft seien zwar sieben Brutpaare gesichtet worden. „Der Rest verteilt sich auf das Land“, so Müller.

Dabei seien die guten Gebiete besetzt. Hoffnung setzt Müller in die Renaturierung der Barthe oder von Schwinkels Moor bei Wieck. „Das lockt viele andere Tiere an, Beutetiere des Seeadlers“, sagt Müller. Auch die Renaturierung der Fischlandwiesen, also die Wiedervernässung der Salzgraswiesen bei Wustrow, könnte dazu führen, dass sich weitere Seeadlerpärchen dort niederlassen.

Neben dem Mangel an Nahrung komme es auch immer wieder zur Störungen. Immerhin: In Mecklenburg-Vorpommern dürfen während der Brutzeit in einem Radius von 300 Metern um einen Horst keine Forstarbeiten stattfinden. Aber auch Tierfotografen können die Adler stören. Deshalb hat Mario Müller, seit diesem Jahr selbst hauptberuflich Natur- und Tierfotograf, an verschiedenen Stellen Fotohütten errichtet, die er Fotografen anbietet, damit die Tiere fotografiert werden können, aber nicht gestört werden. „Das wird gut angenommen“, sagt Müller.

Blei und H5N8

Haupttodesursache ist laut Müller nach wie vor Bleivergiftung. Im Landesforst oder bei Jagden in Nationalparken dürfe zwar nicht mehr mit bleihaltiger Munition geschossen werden. Viele Jäger schießen laut Müller allerdings nach wie vor mit bleihaltiger Munition, weil diese billiger ist als bleifreie. Seeadler fressen das damit getötete Aas und sterben an der Vergiftung.

Aus der Projektgruppe „Großvogelschutz“ beim Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (Lung), der auch Mario Müller angehört, ist deshalb ein Antrag an das Umweltministerium MVs gestellt worden, bleifreie Munition landesweit komplett zu verbieten. Etwa 20 tote Seeadler sind in diesem Jahr gefunden, die aus diesem Grund gestorben sind. Zweiter Grund für den Tod von Seeadlern ist die Vogelgrippe. Im Zuge des Ausbruchs im vergangenen Jahr hatten sich auch Seeadler mit dem Virus angesteckt – etwa 20 sind in Mecklenburg-Vorpommern daran gestorben. Das hatte es zuvor laut Müller nicht gegeben. Ein möglicher Grund: Der H5N8-Virus der Epidemie im vergangenen Jahr könnte aggressiver gewesen sein als vorangegangene. Seeadler hatten den Virus über tote Wasservögel aufgenommen.

Ein oft zitierter Todesgrund für Seeadler fällt dabei nicht so sehr ins Gewicht wie andere, sagt Müller. Fünf bis sechs der Tiere seien von Windkraftanlagen erschlagen worden.

Eine Prognose, ob der Aufwärtstrend anhält, könne er nicht stellen. „Man muss das Frühjahr abwarten“, sagt der 54-Jährige. Seeadler brüten zumeist bereits im März. Wird es ein langer, kalter Winter, wird es für die Brut schwieriger. Steigen die Temperaturen bereits früher, kann Mario Müller vielleicht im nächsten Jahr wieder von neuen Brutpaaren berichten.

Der Seeadler

Der Seeadler ist ein Greifvogel aus der Familie der Habichtartigen. Seeadler bewohnen gewässerreiche Landschaften in Europa und Asien von Grönland bis zum Pazifik. Sie ernähren sich überwiegend von Fischen, Wasservögeln und Aas. Die Art wurde in Mittel- und Westeuropa durch menschliche Verfolgung und die Vergiftung durch das Insektizid DDT fast ausgerottet. Seit Mitte der 1980er Jahre nimmt der Bestand in weiten Teilen Europas jedoch wieder stark zu. Seeadler errichten Horste aus Ästen mit einem Durchmesser von etwa 1,2 bis 1,5 Metern und eine Höhe von 50 bis 80 Zentimetern, alte und über Jahrzehnte genutzte Horste können einen Durchmesser von zwei Metern, eine Höhe von drei bis fünf Metern und ein Gewicht von 600 Kilogramm erreichen. An den Küsten Nordeuropas brüten viele Seeadler in Felswänden, auf abgelegenen und baumlosen Inseln auch auf dem Boden.

In Mitteleuropa beginnt die Brut zwischen Mitte Februar und Mitte März. Das Gelege besteht aus bis zu drei weißen Eiern, die Brutzeit beläuft sich auf circa 38 Tage.

Die Jungvögel können nach 80 bis 90 Tagen schon kurze Strecken fliegen. Nach fünf bis sechs Jahren sind sie geschlechtsreif. Seeadler können zwischen 35 und 40 ahre alt werden.

Robert Niemeyer

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