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Vorsicht, Schwarzkittel!

Hohenkirchen Vorsicht, Schwarzkittel!

Im November gibt es besonders viele Wildunfälle / Kreisweit waren es dieses Jahr bislang 1300

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Ein Wildschwein verlässt im Questiner Wald sein Versteck. Schwarzkittel sind in der dunklen Jahreszeit an besonders vielen Verkehrsunfällen beteiligt.

Quelle: Foto: Karl-Ernst Schmidt

Hohenkirchen. Die Zahl der Wildunfälle in Mecklenburg nimmt zu. Mehr als 1300 sind es allein im Landkreis Nordwestmecklenburg schon in diesem Jahr gewesen. Das bestätigt Axel Köppen, Sprecher der Polizeiinspektion Wismar: „Wir liegen derzeit leicht über dem Vorjahresniveau.“ 2016 gab es im gesamten Jahr 1614 Unfälle mit Wildtieren auf den Straßen des Nordwestkreises.

OZ-Bild

Im November gibt es besonders viele Wildunfälle / Kreisweit waren es dieses Jahr bislang 1300

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Eine genaue Auswertung für 2017 soll es allerdings erst Anfang nächsten Jahres geben.

Alljährlich gibt es im November besonders viele Unfälle mit Wild(schweinen). Gründe dafür: „Zum einen sind jetzt die Felder abgeerntet, jetzt muss sich das Wild auf Futtersuche bewegen“, erklärt Ulf-Peter Schwarz, Sprecher des Landesjagdverbandes Mecklenburg-Vorpommern.

Zum anderen ist es die Zeitumstellung. Eine Stunde mache enorm viel aus, so Schwarz: „Die meisten Autofahrer begeben sich in der Dämmerungsstunde auf den Heimweg – und das ist nun einmal die Hauptwechselphase des Wildes.“ Andere Faktoren, so der Mann vom Landesjagdverband, kommen hinzu – rutschiges Laub, schlechte Sicht – und schon ist ein Unfall passiert.

Wobei sich eine Häufung von Unfällen mit Wild 2017 nicht nur auf die dunkle Jahreszeit konzentriert hat: Zwischen 14. und 19. April meldeten 20 Autofahrer in Nordwestmecklenburg Kollisionen mit Wildtieren, Schwerpunkt war die Bundesstraße 105 zwischen Gägelow und Dassow. Zwischen dem 22. und dem 29. Juni ereigneten sich in Nordwestmecklenburg 33 Wildunfälle. Rückläufig ist übrigens die Zahl der Wildunfälle in der Rostocker Heide, wie Amtsleiter Jörg Harmuth mitteilt. Im vergangenen Jahr habe es hier neun Unfälle gegeben. 2017 seien es aktuell fünf. „Früher waren die Zahlen viel höher“, sagt Jörg Harmuth. Im Bad Doberaner Umland gehört der Bereich Landesstraße 122 / Umfeld der Westhofer Kreuzung in diesem Jahr zu den Schwerpunkten – dort gab es bisher acht Unfälle. Dicht gefolgt von der Landesstraße 11 (vom Kreisel Satow Richtung Kröpelin, bis etwa Altenhagen) mit sieben Unfällen.

Zahl der Wildschweine wächst

Eine Ursache für die hohe Zahl der Unfälle mit Wildschweinen: Seit Jahren wächst der Schwarzwildbestand in MV. Eine Folge der zu milden Winter und des überreichlichen Futterangebotes, zählt Ulf-Peter Schwarz auf. Bringt der Winter keine Minustemperaturen, überleben zum Beispiel fast alle Frischlinge eines Wurfes. Reichlich vorhandene Eicheln, Bucheckern und eine immer ertragreichere Landwirtschaft decken den Tisch in Wald und Flur nicht nur für Schwarzwild reichlich, und der Wildbestand wächst. Das Land hält jetzt dagegen – mit verstärktem Abschuss soll die Zahl der Schwarzkittel verringert werden. Die Strecke geschossener Wildschweine soll sich um 20 Prozent erhöhen – auf insgesamt 80000 Stück Wildbret landesweit. Das Land schafft Anreize: So erhalten Jäger ab dem 1. Dezember für das Erlegen von Frischlingen mit einem Gewicht bis 25 Kilogramm und für den Abschuss von älteren Bachen, deren Frischlinge keiner Führung mehr bedürfen, 25 Euro Aufwandsentschädigung je Tier.

Tempo verringern

Im Grunde gibt es keinen 100-prozentigen Schutz gegen einen Wildunfall. Doch es helfe ein wenig, sagt Ulf-Peter Schwarz, wenn man seine Geschwindigkeit reduziere. „Die Autofahrer müssen nicht mit 50 Kilometer je Stunde durch die Straßen, die durch Wald und Feld führen, schleichen“, sagt er und nennt dann eine Zahl: „Aber wer sein Tempo von 100 km/h auf nur 80 km/h verringert, hat bereits einen 25 Meter kürzeren Bremsweg. Das kann schon ausschlaggebend sein, um einen Zusammenstoß mit Wild zu vermeiden.“

Und noch andere Tipps hat, Schwarz: „Das Licht abblenden, kontrolliert bremsen und hupen.“ Wer aufblendet, blendet das Wild, es bleibt in den meisten Fällen komplett orientierungslos und wie angewurzelt auf der Straße stehen. Ist der Zusammenstoß nicht mehr zu vermeiden, gibt es neben dem Abblenden noch zwei Dinge, die ratsam sind. Kontrolliert bremsen und das Lenkrad festhalten – also auf das Wild zufahren – nicht auf die Gegenfahrspur oder in den Straßengraben lenken. Das ist allerdings einfacher gesagt als getan, gibt Schwarz zu. Die meisten Menschen haben einen natürlichen Reflex, nicht auf Lebendes zuzufahren. Doch die Gefahr, in den Gegenverkehr zu geraten oder mit dem Auto gegen einen Baum zu prallen und selbst schweren Schaden, nicht nur am Auto zu nehmen, ist bei Ausweichmanövern einfach zu groß.

Möglichst nicht ausweichen

Noch eine andere Sache spielt dabei eine Rolle, wie Ilona Gläser vom Forstamt Bad Doberan erklärt: „Ein Unfall gilt nicht als Wildunfall, wenn man, weil man ausgewichen ist, zum Beispiel auf einen Baum aufgefahren ist. Wenn es keine Zeugen gibt und kein Wild verletzt wurde, es also lebend oder verletzt fliehen konnte, wird die Polizei oder ein zur Hilfe gerufener Jäger keinen Wildunfall attestieren.“ Ilona Gläser erklärt auch, dass das Forstamt grundsätzlich nicht bei einem Wildschaden zuständig ist. „Wir sind für die Wälder zuständig, nicht für die Straßen. Wenn sich jemand bei uns meldet, der einen Wildunfall hatte, dann wenden wir uns an die Untere Jagdbehörde des Landkreises Rostock. Die wissen, welcher Jäger in dem jeweiligen Abschnitt Jagdrecht hat und können den dann informieren.“

Unter anderem werden Jäger oft informiert, weil sie zum einen das Wild fachgerecht von seinem Leid erlösen können, sollte es noch leben, zum anderen den Tierkadaver mit sich nehmen und entsorgen können.“

Zuerst die Polizei anrufen

Doch grundsätzlich, so Peter Rabe, vom Forstamt Grevesmühlen, ist es besser, bei einem Wildunfall immer die Polizei zu rufen. „Diese hat 24 Stunden Dienst und hat auch die Berechtigung, notfalls mit der Dienstwaffe dem Leiden des Tieres ein Ende zu setzen.“ Die Polizei wendet sich oft auch an die örtlich jagdberechtigten Jäger, doch die Jäger sind nicht verpflichtet, sich um ein totes Tier zu kümmern, sagt Rabe: „Sie können, wenn sie Zeit haben, aber, sie müssen nicht.“

Grundsätzlich ist es so, dass Wild niemandem gehört, erklärt Rabe. „Wildtiere sind freie Kreaturen, laut Bürgerlichem Gesetzbuch gehören sie Niemandem, auch nicht dem Jäger in seinem Jagdgebiet. Er hat lediglich das Jagdausübungsrecht“, sagt der Forstamtsleiter. Es haftet also per se niemand für ein Wildtier – und demzufolge auch nicht für den Schaden, den es verursacht. Dennoch zahlen die Versicherungen, denn Wildunfälle gehören zu den Schadensfällen, die aus „höherer Gewalt“ passieren. Es sei denn, der Autofahrer war nachweislich zu schnell oder hat fahrlässig gehandelt.

Totes Wild nicht mitnehmen

Wild, das man umgefahren hat, einfach mitzunehmen, ist ebenfalls nicht ratsam. Dabei handelt es sich zum einen um eine Straftat, um Aneignung und Wilderei, zum anderen darf bei einem Unfall getötetes Wild nicht verspeist werden, und außerdem, erklärt der Sprecher des Landesjagdverbandes Ulf-Peter Schwarz, könnte ein Verzehr von zum Beispiel Schwarzwild auch tödlich verlaufen. Denn Wildschweine sind oft Trichinen-Träger (winzige Fadenwürmer), die für einen Menschen tödlich sein können. Bei gejagten Wildschweinen ist deshalb eine Trichinenschau Pflicht.

Wie mit Kleinwild verfahren?

Wie ist das nun, wenn man zum Beispiel kleineres Wild angefahren hat, wie zum Beispiel einen Fuchs, das Auto hat aber keinen Schaden genommen? Auch hier ist es immer ratsam, entweder die Polizei zu informieren. Vielleicht stellt sich später doch noch heraus, dass das Auto einen Schaden genommen hat, beim Kontakt mit dem Wildtier – und wenn das durch die Polizei nicht attestiert wurde, besteht keine Chance, die Versicherung in Anspruch zu nehmen. Wer sich absolut sicher ist, dass nichts passiert ist, kann auch die Untere Jagdbehörde des jeweiligen Landkreises zu informieren.

Diese informiert in der Regel, erklärt Grevesmühlens Forstamtsleiter Peter Rabe, die Jäger oder die zuständigen Straßenmeistereien. Die kommen und nehmen das tote Tier vom Straßenrand mit, bringen es entweder zum Abdecker oder einem dafür geeigneten Entsorgungsbetrieb.

Mercedes überrollt verletztes Wildschwein

Besonderer Unfall mit Wildbeteiligung: Der 18-jährige Fahrer eines Mercedes stieß mit seinem Auto am 28. Oktober zwischen Hohenkirchen und der Wohlenberger Wiek gegen ein Wildschwein, das, vermutlich aufgrund eines anderen Unfalls, bereits verletzt auf der Fahrbahn lag. Durch den Zusammenstoß verlor der Fahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug, kam nach rechts von der Straße ab und stieß dort gegen einen Straßenbaum. Durch den Aufprall wurden der Fahrer sowie seine 19 Jahre alte Beifahrerin schwer verletzt. Der bei beiden Insassen angelegte Sicherheitsgurt verhinderte vermutlich noch schwerwiegendere Verletzungen.

Treibjagden erfolgen

Treib- und Drückjagden auf Schwarzwild finden derzeit vielerorts statt. Beginn hierfür ist meist am 3. November.

Die Straßen in den Waldgebieten, in denen solch eine Jagd stattfindet, werden mit Schildern gekennzeichnet. Autofahrer sollten dann noch achtsamer fahren. „Es kann aber auch passieren“, sagt Landesjagdverbandssprecher Ulf-Peter Schwarz, „dass das Wild ein paar Kilometer läuft, um den Jägern zu entkommen und plötzlich Straßen überkreuzt, die nicht im Treibjagdgebiet liegen, wo also keine Ausschilderung auf eine Jagd hinweist.“ Das ist dann wieder „höhere Gewalt“.

In diesem Jahr wurde die Drückjagdsaison vom Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern übrigens eine Woche früher ausgerufen. Grund dafür ist die Sorge, dass bei den Wildschweinen die „Afrikanische Schweinepest“ ausbrechen könnte. Wildschweine im Osten von Polen und in Tschechien haben diese Krankheit bereits. „Wenn das auf unsere Wildbestände übergreift“, so Ulf-Peter Schwarz, „müssen im betroffenen Gebiet alle Wildschweine gekeult werden, was furchtbar wäre.“

Annett Meinke, Michaela Krohn, Lutz Werner und And

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