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Wattwürmer, Asseln, leuchtende Quallen

Warnemünde/Poel Wattwürmer, Asseln, leuchtende Quallen

Wer richtig hinsieht, kann unter den Ostseewellen spannende Welten entdecken.

Warnemünde/Poel. Jeden Morgen früh um fünf sind die Männer von Bauhofchef Karl Mirow an den Poeler Stränden unterwegs, um Algen und Seegras zu beseitigen, bevor die Urlauber kommen. 500 Kubikmeter kamen jüngst alleine bei der großen Frühjahrsbereinigung zusammen. Und an jedem neuen Tag beginnt die Arbeit von vorn. Während Karl Mirow auf den grünbraunen Gruß aus dem Meer gut verzichten könnte, greift Sven Hille vom Ostseeinstitut Warnemünde begeistert zur Lupe. Sein Job ist es, Kinder und Jugendliche dafür zu sensibilisieren, wie spannend die Pflanzen- und Tierwelt der Ostsee ist.

OZ-Bild

Wer richtig hinsieht, kann unter den Ostseewellen spannende Welten entdecken.

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Stinkende Algen? Ekelig, glibberige Quallen? Hille winkt ab: „Bei uns direkt vor der Haustür gibt es so Vieles zu entdecken, von dem selbst Einheimische kaum etwas wissen.“ Regelmäßig ist der Meeresbiologe mit Schulklassen am Warnemünder Strand. Wie eine Unterwasserwüste sieht der Meeresgrund dort auf den ersten Blick aus. Doch der Wissenschaftler greift zum Kescher und schiebt ihn ein paar Zentimeter in das Sediment. Wenn der „Zufallsfang“ kurz darauf in einem Wassereimer landet, sind die Umstehenden immer wieder erstaunt: Garnelen, Krebse, Asseln, kleine Plattfische, Muscheln...

es tummelt sich mehr im Sand, als die meisten ahnen. Und das, obwohl das Wasser hier für Salzwassertiere eigentlich zu süß und für Süßwasserlebewesen zu salzig ist.

Mikroskopisch kleine Algen bilden dabei die Nahrungsgrundlage für fast alles, was im Meer lebt. Seegras und Blasentang sind wichtige Rückzugsgebiete für andere Arten. Sven Hille erklärt, wie wichtig Krabben und Krebstiere vor allem als Futter für Fische sind. Er erzählt von den unterschiedlichen Muschelsorten, die es hierzulande gibt – von Miesmuscheln, die sich bevorzugt an Steinen, Pfählen und Hafenmauern festhalten, und anderen, wie den Herzmuscheln, die im Sediment leben und sich von Schwebstoffen und Plankton ernähren. Sie filtern das Wasser und sind so etwas wie die biologische Kläranlage der Ostsee.

Auch auf Migranten der tierischen Art weist der Biologe gerne hin. So sei die Sandklaffmuschel, die heute jede zweite Strandburg ziert, hierzulande eigentlich gar nicht heimisch. Wikinger, die schon vor etwa 1000 Jahren, also lange vor Kolumbus, mit ihren kleinen Booten von Europa nach Amerika fuhren, sollen sie ursprünglich auf dem Rückweg als Proviant mitgenommen und Reste nach der Reise über Bord geworfen haben. Ähnliches passiert bis heute, wenn große Frachter blinde Passagiere im Ballastwassertank mitbringen. Über eine erst vor etwa zehn Jahren eingewanderte Fischart, die Schwarzmaulgrundel, wird derzeit viel diskutiert.

Bislang aber sei nicht klar, ob sie eine echte Gefahr für heimische Lebensgemeinschaften darstellt. Viel geholfen wäre in den Augen von Sven Hille auf jeden Fall schon dann, wenn sie verstärkt auf den Speisekarten der Restaurants auftauchen würde. „Die schmecken nämlich ganz gut und wenn man sie öfter als Speisefisch nutzen würde, ließe sich ihre Verbreitung leicht in Grenzen halten.“

Ganz besonders gerne bringt der Wissenschaftler Exkursionsteilnehmern die Welt der Quallen näher. „Aurelia Aurita“, die in der Ostsee dominierende Ohrenqualle beispielsweise, sei wunderschön anzusehen, wenn sie beinahe majestätisch im Wasser schwebt. Und: „Sie gehört zwar genau wie die Feuerqualle zu den Nesseltieren, ist aber vollkommen ungefährlich.“ Die Nesselkapseln, die das Tier an langen Tentakeln hinter sich herzieht, sind zwar eigentlich dafür gedacht, Beutetiere zu betäuben – sie sind aber viel zu schwach ausgeprägt, um in die menschliche Haut einzudringen. Lediglich in den warmen Sommermonaten wird auch die Feuerqualle, die schmerzhaftes Brennen verursachen kann, aus der Nordsee in hiesige Badegebiete gespült. Ein anderer Gast, der im August und September anreist, verwirrte anfangs viele Fischer. Die Rippenqualle nämlich leuchtet, sobald sie in Stress gerät, so dass das Schraubenwasser hinter den Booten nachts grün leuchtet. Sven Hille: „Ich gehe dann gerne mit den Kindern am Alten Strom entlang. Wenn man dann einen Kescher durchs Wasser zieht, sind richtige Leuchtspuren zu sehen.“

Miesmuschel in Wismar größer als vor Rügen

Der Salzgehalt der Ostsee nimmt von Westen nach Osten kontinuierlich ab. Das ist auch der Grund, warum beim Keschern am Strand von Boltenhagen ganz andere Funde zutage kommen als beispielsweise auf der Insel Usedom. Während im Salzhaff und vor Poel noch viele Wattwürmer zu Hause sind, gibt es diese Tierart vor Rügen und Hiddensee fast gar nicht mehr. Miesmuscheln, die eigentlich für ein Leben im Salzwasser gebaut sind, können sich mit der

süßeren Ostsee zwar

arrangieren, sie sind aber in Wismar

deutlich größer

und kräftiger als hinter der Darßer Schwelle.

Forscher-Set kostenlos

„Mein mobiles Küstenlabor“, so heißt der Stoffbeutel mit Becherlupe, Kescher und Anleitung, den sich Kinder bis September kostenlos im Institut für Ostseeforschung abholen können. Immer mittwochs und freitags von 13 Uhr bis 16 Uhr ist in der Forschungsvilla eine Ausstellung über die Ostsee und die Arbeit des Instituts geöffnet. Darüber hinaus gibt es das vom Bildungsministerium finanzierte Minilabor auch bei den Kurverwaltungen von Rerik, Boltenhagen und Ahrenshoop, in den Jugendherbergen in Beckerwitz und Zingst, sowie im Meereskundemuseum Stralsund.

Katja Bülow

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