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Wildschaden durch Nandus? „Das ist doch einfach lächerlich“

Klütz Wildschaden durch Nandus? „Das ist doch einfach lächerlich“

Der Klützer Veterinär Dietrich Schmoldt kämpft für die Artenvielfalt in der Region

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Dietrich Schmoldt (77), Tierarzt, kann die Forderung nach einer Abschussgenehmigung für die Nandus nicht nachvollziehen.

Quelle: Foto: Prochnow

Klütz. Mit seiner Meinung hinter dem Berg halten, das ist nicht unbedingt die Sache von Dietrich Schmoldt. Der 77-Jährige aus Klütz ist Tierarzt im Ruhestand, war viele Jahre Imker, hat Landwirt gelernt und vor allem ist er jemand, der sich für viele Dinge interessiert. Unter anderem für die Nandus, die seit einigen Jahren in Nordwestmecklenburg leben. Die jüngste Debatte um einen möglichen Abschuss einiger Tiere bringt den Veterinär auf die Palme. „Wir haben hier vielleicht 200 Tiere. Wie die mehrere hunderttausend Euro Schaden anrichten sollen, wie es einige Landwirte behaupten, ist mir schleierhaft. Die machen sich doch lächerlich mit so einer Behauptung.“

OZ-Bild

Der Klützer Veterinär Dietrich Schmoldt kämpft für die Artenvielfalt in der Region

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Seit Jahren taucht das Thema immer wieder in der öffentlichen Diskussion auf. Landwirte beklagen sich darüber, dass die Nandus in den Rapsfeldern stehen und dort ihre Nahrung suchen. „Natürlich tun sie das“, sagt Dietrich Schmoldt, der selbst vor einigen Jahren Nandus in Klütz aufgezogen hat. „Aber das sie Schaden anrichten, ist völliger Quatsch.“ Wissenschaftliche Untersuchungen hätten ergeben, dass 40 Nandus in etwa so viel Futter bräuchten wie eine einzige Kuh.

Was ihn bei der ganzen Debatte stört, ist der Umstand, dass die Landwirte seiner Ansicht nach die Lebensräume vieler Tiere zerstören. „200 Hektar mit Raps, das ist während der Blüte drei Wochen schön anzusehen. Aber dort lebt doch nichts mehr in diesen Monokulturen auf diesen riesigen Flächen.“ Es gehe nur noch um den Ertrag, die Lebensräume der Tiere blieben auf der Strecke. Schmoldt hatte beim Kreisbauernverband angeregt, die Landwirte zu überzeugen, einen Teil ihrer Flächen, etwa vier Prozent, als Grünflächen für die Bienen zu nutzen. „Ich habe noch nicht einmal eine Reaktion auf meinen Vorschlag erhalten.“ 1400 Bienenvölker habe es zu DDR-Zeiten im Klützer Winkel gegeben, erläutert der Hobby-Imker. Nur noch ein Bruchteil davon sei übrig. „Mit den Lebensräumen verschwinden auch die Tiere. Es gibt doch kaum noch Fasane und Rebhühner.“

Dass es nun auch den Nandus ans Fell beziehungsweise an die Federn gehen soll, versteht der 77-Jährige nicht. „Auch wenn die Tiere nicht einheimisch sind, aber sie passen gut hierher, der Bestand lässt sich durch einige einfache Maßnahmen gut regulieren. Aber sie zum Abschuss freigeben, das kann ich nicht verstehen.“

Schmoldt hat sich auf diversen Infoveranstaltungen zu den Nandus mit Landwirten angelegt. „Ich habe meine Meinung und dazu stehe ich!“

Die Sprecherin des Kreisbauernverbandes hatte öffentlich moniert, dass die Laufvögel inzwischen eine Populationsgröße erreicht hätten, die eine neue Diskussion über die Einordnung der Tiere erfordere. Denn: Weil es keine einheimischen Tiere sind, werden die Schäden, die sie anrichten, auch nicht durch die Wildschadenskasse ausgeglichen. Aus diesem Topf erhalten Landwirte Geld, wenn Wildschweine oder Rehe Schäden auf Feldern anrichten. Nandus dürfen auch nicht gejagt werden – weil sie in der Liste der jagdbaren Tiere in Deutschland gar nicht geführt werden.

Und das soll auch so bleiben, fordert Dietrich Schmoldt. Was sich seiner Ansicht nach ändern sollte, ist die Einstellung einiger Bauern zur Natur. Der 77-Jährige ist als Tierarzt viele Jahre von einem Betrieb zum anderen gezogen. „Aber heute haben wir im Klützer Winkel so gut wie keine Nutztiere mehr. Früher gab es Tausende Rinder und Schafe. Heute lohnt es sich nicht mehr, und auch darunter leidet die Kulturlandschaft.“

Wenn in jedem Ort in der Region ein Hektar für die Bienen geschützt würde, wo wilde Kräuter wachsen könnten, Blumen und andere Pflanzen, die die Insekten brauchen, dann hätte auch die Imkerei wieder eine Chance, sagt der 77-Jährige. „Stattdessen gibt es eine richtige Landwirtschafts-Industrie, die kaum Arbeitsplätze schafft und nur auf Profit ausgerichtet ist.“

Dass aufgrund dieser Entwicklung auch die Nandus zum Abschuss freigegeben werden sollen, damit will und wird sich der Veterinär nicht abfinden. „Meine Meinung mag nicht jedem gefallen, aber ich werde sie trotzdem sagen. Sonst ändert sich ja nichts.“

Touristisch jedenfalls sind die aus Südamerika stammenden Vögel ein Segen für die Region. Immer mehr Tagesgäste kommen in den westlichen Teil des Nordwestkreises, um die Tiere zu beobachten.

Sonderlich schwer ist das nicht, die Nandus haben keine Scheu vor Menschen, lassen sich beim Fressen auf den Äckern kaum stören und sind ein beliebtes Fotomotiv.

Wilde Vögel

Den Nandus soll es an den Kragen gehen. Die seit Jahren wachsende Population an der Landesgrenze von MV und Schleswig-Holstein mit rund 220 Tieren soll nach dem Willen des Schweriner Agrarministeriums begrenzt werden. Wie dies geschehen soll, sei noch offen. Möglich sei das Einsammeln von Eiern oder ein begrenzter Abschuss von Tieren. Die 220 Nandus, die bei der Frühjahrszählung 2017 festgestellt wurden, leben auf einer Fläche von rund 100 Quadratkilometern nördlich von Ratzeburg. Sie alle stammen von ein paar Tieren ab, die zwischen 1999 und 2001 aus einem Gehege bei Lübeck ausgebrochen waren.

Michael Prochnow

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