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Mecklenburgisches vom Philosophen aus Kummer

Thomas Lehnigk, Bildhauer Mecklenburgisches vom Philosophen aus Kummer

Thomas Lehnigk (49) schafft Denkfiguren aus Metall. Ein Material fand er in der Heimat: Raseneisenstein, den er zu Stieren verarbeitet.

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Thomas Lehnigk zwischen seinen Stahl-Plastiken „Platon“ und „Die Stolze“. Angeregt durch die Tradition des Art déco experimentiert der Künstler mit strengen Formen sowie mit Gold oder Platin veredelten Kantenlinien.

Am Eingang zur Landeskunstschau 2015 im Schweriner Marstall wachten zwei große Figuren. Klare Form, feste Kopfhaltung. Es waren jedoch keine Wächter, sondern Philosophen – aus Stahl. Von vorn sehen sie aus wie eine Linie, von der Seite zeigen sie ein prägnant geschwungenes Profil.

Inzwischen stehen sie wieder auf dem Grundstück im Örtchen Kummer bei Ludwigslust, wo sie der Metallgestalter und Bildhauer Thomas Lehnigk gefertigt hat. Im hinteren Bereich einer alten Ziegelei arbeitet der 49-Jährige im ehemaligen Lokschuppen, das Gelände hat er eigenwillig kultiviert. Große Stahlplastiken mit ihren vom Wetter geschaffenen Rostfarbverläufen, Terrasse, Grillecke, Zen-Garten, Mauern aus geschichtetem Brennholz, eiserne Gartenmöbel, auch eine durch Pflanzen umhüllte Naturdusche, die das Wasser aus einem See weiter unten zieht. Eine kleine Welt alternativer Lebens-Spielfreude entfaltet sich dort. Ein Philosoph in Kummer, damit rechnet man in dem Dorf nicht unbedingt.

„Der Philosoph“, erklärt der Bildhauer lakonisch über die Gestalt seiner Metall-Plastik und grinst: „Philosoph: Hat viel im Kopf – und hat den Durchblick.“ Lehnigk hat auch andere Figuren. „Der Gladiator: Kopf wie eine Waffe, viele Muskeln.“ Oder Nofretete, oder die Stolze. Er sei Fan dieser konkaven und konvexen Linien. Und Fan des Art déco: „So reduziert wie möglich in der Form, aber so viel Aussage wie möglich.“

Aussage, das meint Lehnigk ganz direkt. Etwa bei seinem großen „Schneller“ mit den viel zu langen Beinen (dessen kleinplastisch modellierte Ausgabe wir in der Kunstbörse haben). Die große Variante habe er absichtlich nicht modelliert. „Den habe ich wie einen Hampelmann konstruiert und die Verschraubung an den Gelenken sichtbar gelassen. Um zu betonen: Das hat die Gesellschaft mit uns gemacht!“

Dieser Dauerstress überall, immer mehr zu schaffen, immer schneller zu sein, keine Zeit mehr zu haben – es mache uns alle zu Marionetten.

Bei Begriffen wie „Aussage“ oder „Botschaft“ plagt Lehnigk nicht die heute übliche Scheu vor deutlichen Bekenntnissen. Künstler sei nunmal ein privilegierter Beruf und eine Berufung, in die Öffentlichkeit zu wirken, meint er, deshalb sei damit eine besondere Verantwortung verbunden. Darüber hinaus betont der gebürtige Ludwigsluster auf spezielle Weise Bodenständigkeit und seine Vorliebe fürs Nachhaltige. Ersteres beispielsweise mit der Figur Stier, dem mecklenburgischen Urrind nachempfunden und mit vergoldeten Hörnern, den er mittlerweile europaweit verbreitet habe. Letzteres mit dem Material, aus dem er diesen Stier macht: Raseneisenstein. Auch sein Stier lebt von der Lust des Künstlers am Kontrast – nicht nur der Oberflächen, sondern der Wertungen: „Raseneisenstein, das liegt so in der Erde rum, eine Spätfolge der Eiszeit, klumpig, nichts wert – und die Hörner sind Gold, viel Wert.“

Das Material Raseneisenstein hat es Lehnigk in letzter Zeit angetan: „Der Mecklenburger hat das ja früher neben der Verhüttung auch für Häuser genommen. Der Stein war billiger als aus der Ziegelei, die Leute konnten ihn vom eigenen Acker nehmen. Er ist sogar besser, weil er Lufteinschlüsse hat. Wie ein Yton: Kühlt im Sommer, hält im Winter die Wärme.“

Lehnigk hatte Glück, vor drei Jahren, als in der Nähe eine Scheune nicht wieder aufgebaut wurde, konnte er deren Steine abholen. Nun lagern sie auf seinem Gelände, und der Philosoph aus Kummer fertigt daraus mecklenburgische Stiere. Das heißt, er findet sie schon im Material, sagt er. „Ich schaue vorher mit dem ,kindlichen Sehen’, was der Stein schon ist. Also der Stein zeigt es mir.“

Kunst habe viel mit Naivität zu tun, betont Lehnigk: „Kinder sehen die Wahrheit, und sie sagen die Wahrheit.“

Zur Person

Thomas Lehnigk kam 1967 in Ludwigslust zur Welt. Seit früher Kindheit zeichnete er, lernte aber nach dem Schulabschluss 1984 erstmal, dem elterlichen Wunsch folgend, „was Ordentliches“.

1987 schloss er eine Lehre als Nachrichtentechniker der Deutschen Reichsbahn ab, 1989 eine Lehre als Elektromonteur.

1994 beendete er seine dritte Lehre: Werbegrafiker an der Fachschule der früheren Dewag in Berlin. 1998 begann die freischaffende Tätigkeit. 2004 wurde Lehnigk Mitglied im Künstlerbund MV.

2009 erhielt er den Kunstpreis der Stadt Güstrow. Zahlreiche Ausstellungen und Arbeiten im öffentlichen Raum.

Dietrich Pätzold

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