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„Schreiben ist für mich wie atmen“

Ruth Tesmar, Malerin und Grafikerin „Schreiben ist für mich wie atmen“

Die Arbeiten der Schweriner Malerin Ruth Tesmar tragen ihre Handschrift – sowohl im künstlerischen Sinn als auch wortwörtlich.

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Ruth Tesmar in ihrem Schweriner Atelier unter dem Dach: Mit den liebevoll zusammengetragenen Fundstücken fertigt die 66-Jährige ihre individuellen Arbeiten.

Ruth Tesmars Schweriner Atelier unter dem Dach wirkt wie aus der Zeit gefallen: Der heimelige Raum mit dem Balken in der Mitte beherbergt ein Sammelsurium an Fundstücken: Historische Buchrücken, handgeschriebene Schriftstücke, vergilbte Notenblätter, Federn, alte Werkzeuge, Schreibutensilien und gepresste Blüten zieren Wände und Tische.

In liebevoller Kleinarbeit lässt die 66-Jährige daraus ihre Kunstwerke entstehen. Inspiriert wird sie von ihrer Liebe zur Literatur. „Ich lese ein Buch und sehe gleich Bilder“, sagt sie. Worte – Bilder – Bildworte: Das ist die Formel für ihr künstlerisches Schaffen, das in umfangreichen Bildfolgen aus Assemblagen und Collagen seinen Ausdruck findet.

„Schon als Kind habe ich immer gelesen“, sagt Tesmar. „Ich war dem lieben Gott so dankbar, dass er die Literatur erfunden hat, das war wie eine Zuflucht.“ Besonders Gedichte und Briefe faszinieren Tesmar : „Die Bücher, die mir nicht gehörten, habe ich einfach abgeschrieben.“ Bis heute tragen ihre Arbeiten Tesmars Handschrift – und das nicht nur in künstlerischem Sinn. Ausgedruckten Textzeilen von Dichtern und Denkern fügt Tesmar handschriftlich eigene Gedanken hinzu. Buchstaben und Worte, Holz und Federn – all das verbindet die 66-Jährige zu einer fast intimen Korrespondenz in der ihr eigenen Bildsprache: Sprache der Dinge nennt sie es. „Nicht nur wir schauen die Dinge an, die Dinge schauen zurück. Durch die Arbeit mit ihnen schaffe ich eine neue Realität, die der Betrachter individuell interpretieren kann“, sagt sie.

Mit der Collage verbindet Tesmar noch mehr: „Mein Leben ist selbst wie eine Collage“, sagt sie und lacht. „Oft ist es eine Verbindung von Ereignissen, die man vorher nicht ahnt.“

Das trifft auch auf die gebürtige Potsdamerin zu, die zunächst Kunstpädagogik und Geschichte in Berlin studiert. Die erste Version ihrer Promotionsarbeit schreibt sie mit der Hand, klebt die einzelnen Blätter aneinander. „Sie war dick wie eine Kabeltrommel“, erzählt Tesmar. „Immer wenn ich müde wurde, habe ich kleine Tierchen an den Rand gekritzelt. Mein Dozent hat sie entdeckt und mich gefragt, ob ich nicht Kunst studieren will.“

Für die damals 33-Jährige Mutter mit Kind ein Anstoß, der ihr Leben maßgeblich beeinflusst. Sie studiert Malerei und Grafik an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und beginnt, inspiriert von Lyrik undProsa, Gedichte zu schreiben und zu illustrieren, wie in ihrem Buch „Tieraden“ (2003), in dem Tiere zu Protagonisten ihrer heiter-skurrilen Gedichte werden. Als Uni-Professsorin lebt sie viele Jahre in Berlin, bevor sie die Liebe zur Ostsee 2011 nach Schwerin verschlägt. Ihr Oeuvreist umfangreich: Holzschnitte, Radierungen und Lithografien angeregt durch Texte von Arthur Rimbaud, Friedrich Hölderlin oder Else Lasker-Schüler, dicke Mappen prall gefüllt mit Landschafts- und Aktzeichnungen, Reihen von sogenannten Bildbriefen – unter anderem hat die Künstlerin Bach-Partituren koloriert und mit eigenen Gedanken versehen – und skripturale Arbeiten in Form handbeschriebener Papierbahnen. Aus Texten des römischen Dichters Ovid hat Tesmar acht Meter hohe Schrifttürme geschaffen und als Kunstwerk inszeniert. „Alles mit der Hand abgeschrieben und dann noch auf Latein“, sagt Tesmar. „Schreiben ist für mich wie atmen.“ Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören auch farbige Holzdrucke, für die sie bis zu 100 verschiedene hölzerne Fundstücke als Abreibung auf Seidenkokon überträgt. Auch zahlreiche Holzobjekte sind aus ihren Fundstücken entstanden. „Das Schöne ist, man hinterlässt etwas, das bleibt.“ In diesem Fall sogar in der eigenen Handschrift.

Zur Person

Ruth Tesmar, die seit 2011 in Schwerin lebt und arbeitet, wurde 1951 in Potsdam geboren. Sie studierte Kunstpädagogik und Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität, an der sie 1981 promovierte.

1981 folgte ein Studium der Malerei und Grafik an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Von 1993 an war Tesmar viele Jahre als Professorin und Leiterin des Menzel-Dachs an der Humboldt-Universität tätig.

Zwei von ihr illustrierte Bücher wurden von der Stiftung Buchkunst als „Schönstes Buch“ ausgezeichnet. Ihre Arbeiten befinden sich u. a. im Besitz von Museen und öffentlichen und privaten Sammlungen.

Stefanie Büssing

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Lebendige Tradition: 40 Künstler stellen ihre Werke für die 25. Kunstbörse der OSTSEE-ZEITUNG zur Verfügung.

Teilnahmebedingungen

VERNISSAGE am Montag, 11. September, um 18 Uhr im Kreuzgang der Hochschule für Musik und Theater (HMT) in Rostock, Beim Katharinenstift 8.

VERSTEIGERUNG aller präsentierten Arbeiten in der HMT am Sonnabend, 7. Oktober, um 20 Uhr. Einlass ist ab 19 Uhr.

TICKETS für die Kunstbörse in allen Servicecentern der OSTSEE-ZEITUNG und über 0381/38 30 30 17. SCHRIFTLICHE GEBOTE bitte mit Adresse und Telefonnummer bis 5. Oktober an die OZKulturredaktion, Richard-Wagner- Straße 1a, 18055 Rostock.

Hier findet die Auktion statt