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Spannende Geschichten auf dem Grund schöner Gefäße

Wilfriede Maaß, Keramikerin Spannende Geschichten auf dem Grund schöner Gefäße

Keramik von Wilfriede Maaß (65) aus Schlemmin ist international geschätzt. Bekannt wurde sie im Berliner Untergrund der DDR-Opposition.

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Die Keramikerin Wilfriede Maaß bei der Arbeit in ihrer Werkstatt in Schlemmin.

E twas mehr als eine halbe Stunde braucht die Keramikerin Wilfriede Maaß mit dem Auto vom Atelier in Schlemmin bis zum Markt in Dierhagen. Den ganzen Sommer bis in den Frühherbst nutzt die 65-Jährige diesen Dienstag am kleinen Hafen und andere Märkte und verkauft dort so gut, dass sie danach neue Keramik produzieren muss. Es ist der traditionelle Kreislauf ihres Handwerks: Töpfern (bei ihr in größter Meisterschaft), Malen auf Glasur, danach zweiter Brand, der Glasurbrand – dann auf dem Markt verkaufen.

Nichts Besonderes? Wilfriede Maaß – mit ihrer Bescheidenheit – wäre es zuzutrauen, dass sie sowas behauptet. Aber es stimmt nicht, bei ihr ist das außerordentlich besonders. Denn es gibt in den Tellern, Tassen oder Schalen aus ihrer Werkstatt keine Leere. Wer die Suppe auslöffelt, das Trinkgefäß bis zur Neige austrinkt, der findet auf dem Grund oft ungewöhnliche Malereien, die alle Grenzen (nicht nur des Dekorativen) sprengen, wild, aufbegehrend. Auch wer es nicht mit Künstler-Keramik aus Wilfriede Maaß’ Produktion zu tun hat, sondern ihr dünnwandig fein gearbeitetes Geschirr mit dem Ginkgo-Motiv nutzt, sieht auf dessen Grund eines dieser Ginkgoblätter, für die Wilfriede Maaß bekannt ist. International bekannt.

Schon in den 1980er Jahren begann diese Bekanntheit. Sie ist eines von acht Kindern des Bauhauskünstlers Wilhelm Löber und seiner Frau, der Malerin Frida Löber, die 1956 in Althagen eine Keramikwerkstatt eröffneten und Fischlandkeramik berühmt machten. Wilfriede Löber hatte bei ihrem älteren Bruder Friedemann das Töpfern gelernt, strebte früh in Richtung Berlin. „Jeder wollte damals nach Berlin. Ich bin schon mit 14 dorthin getrampt, um ins Berliner Ensemble zu gehen“, sagt sie. „Ich hatte dort drei ältere Geschwister, da war das ganz klar.“

Als 27-Jährige übernahm sie im Prenzlauer Berg die Brennwerkstatt ihrer älteren Schwester Helene Löber-Schamal. Mit ihrem Mann Ekkehard Maaß, später mit Sascha Anderson, machte sie Wohnküche und Atelier zu einem der wichtigsten Treffpunkte der oppositionellen Künstlerszene der späten DDR. Man lud zu Lesungen und Konzerten: Heiner Müller und Volker Braun waren da, Christa und Gerhard Wolf, Elke Erb, Adolf Endler, Peter Brasch, Lutz Rathenow, Uwe Kolbe – die Namen ein Who-is-Who kritischer DDR-Intellektueller. Auch internationale Gäste wie Bulat Okudshawa, Allen Ginsberg und Peter Orlovsky kamen.

Dass all das durch Sascha Anderson Stasi-kontrolliert und -beeinflusst war, wurde erst in den 90er Jahren bekannt – ein Schock auch für Wilfriede Maaß. Doch die Heftigkeit, mit der Wolf Biermann den Verräter „Sascha Arschloch“ enttarnte und gleich den ganzen Berliner Untergrund als „blühenden Schrebergarten der Stasi“ verurteilte, erschütterte Wilfriede Maaß nicht: „Ich kannte ja Biermann, wusste, wie er zuspitzt und mit Worten trifft.“

In den Achtzigern trug sie, die Mutter zweier kleiner Kinder, diese Treffen mit. „Ich musste ja das Geld verdienen mit meiner keramischen Produktion“, sagt sie. „Mein damaliger Mann hatte gerade begonnen zu studieren.“

Zugleich entstanden da einige der schönsten Künstler-Keramiken überhaupt. Bei der Herstellung der keramischen Basis für Maler ging Wilfriede Maaß kreative Wege. Was entstand (manchmal heute noch entsteht) mit Malern wie Angela Hampel und Christine Schlegel, Cornelia Schleime, Karla Woisnitza, Susanne Rast und anderen – auch A.R. Penck malte mal auf ihr Geschirr –, ist heute von solcher Erinnerungskraft, dass es ins Museum müsste. Kennt man die Geschichten, kann jeder Schluck Tee aus einer ihrer Ginkgo-Tassen zum Erinnerungstripp an spannende Zeiten werden.

Zur Person

Wilfriede Maaß kam 1951 in Kalten-Nordheim (Thüringen) zur Welt. Sie erlernte 1967-1969 das Töpferhandwerk bei Friedemann Löber in Ahrenshoop. 1981-1990 wirkte sie als Meisterin mit eigener Werkstatt in Berlin. 1982 begann die Zusammenarbeit mit Malerinnen/Malern sowie Plastikerinnen/Plastikern.

1990 eröffnete in Berlin die Produzentengalerie Wilfriede Maaß mit den Malern Sabine Herrmann, Petra Schramm und Klaus Killisch. 1998 Umzug nach Schlemmin bei Ribnitz-Damgarten, 1999 Aufbau der Keramikwerkstatt und erneute Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern. Zahlreiche Ausstellungen.

Dietrich Pätzold

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