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100 Jahre nach Verdun steckt Frankreich in der Krise

Der schwächelnde Partner 100 Jahre nach Verdun steckt Frankreich in der Krise

Von Birgit Holzer

Es ist kein schlechtes Zeichen, wenn sich das Bild von Angela Merkel und François Hollande beim Gedenken an die Schlacht von Verdun nicht so tief einprägt wie jenes vom historischen Handschlag zwischen ihren Vorgängern Helmut Kohl und François Mitterrand 1984. Im Gegenteil: Heute sind solche Gesten nicht mehr nötig, um die einzigartige Verbindung zwischen beiden Ländern zu betonen. Die 4000 deutschen und französischen Jugendlichen, die ebenfalls am Gedenken in Verdun teilnahmen und von denen viele in beiden Sprachen und Ländern zu Hause sind, dienen als bester Beweis dafür, wie natürlich und gesund diese Beziehung geworden ist.

 

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Deutlich komplizierter ist sie heute auf der höchsten politischen Ebene. In der deutsch-französischen Beziehung ging es immer um ein Austarieren, nicht nur in Hinblick auf die Wirtschaftspolitik und die Vorstellung einer künftigen europäischen Wirtschaftsregierung. Entscheidend war dabei stets die Augenhöhe beider Partner. Die ist allerdings ist in Gefahr. Auf der einen Seite steht ein wirtschaftlich starkes Deutschland, das zu neuem Selbstbewusstsein gefunden und in der EU eine Führungsrolle übernommen hat. Auf der anderen steht ein geschwächtes Frankreich, dessen Präsident verzweifelt versucht, das Land endlich aus seiner wirtschaftlichen, aber auch politischen Krise zu führen. Ein Teil seiner eigenen Partei verweigert Hollande die Gefolgschaft und kritisiert offen seinen „wirtschaftsliberalen“ Kurs als unsozial(istisch).

Zwar sind Hollandes Reformpläne moderat im Vergleich zu den Paketen, die andere europäische Länder als Reaktion auf die Krise durchgesetzt haben. Außerdem sind Veränderungen dringend nötig.

Frankreichs Arbeitslosigkeit ist hoch, die Staatsverschuldung steigt, der Arbeitsmarkt ist verkrustet. Es ist richtig, die Hürden für die Entlassung zu senken – weil damit auch die Hürden für die Einstellung sinken.

Doch die Proteste gegen die Arbeitsmarktreform lassen nicht nach. Es kommt fast täglich zu brutalen Auseinandersetzungen. Die Stimmung wirkt angespannt, zumal permanente Furcht vor neuem Terror über dem Land schwebt. Auch gelingt es den radikalisierten Gewerkschaften, das Land immer massiver zu blockieren. Kurz vor Beginn der Fußball-EM drohen Züge und Flüge auszufallen, durch Streiks in Raffinerien und Tankdepots herrscht schon heute Spritmangel. Die Gewerkschaften und Protestbewegungen drohen damit, das Land zur Europameisterschaft ins Chaos zu stürzen – und damit den Ruf Frankreichs international zu beschädigen.

Hollande darf sich dieser Erpressung nicht beugen, sonst bleibt am Ende nichts von seinem Liberalisierungsgesetz übrig. Denn es geht auch um die Glaubwürdigkeit von Hollande, der sich doch als mutiger Reformer präsentiert hat – weil Frankreich genau einen solchen braucht. Und Deutschland einen starken Partner.

OZ

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