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Brandgeruch zieht um die Welt

Unsere Gesellschaften geraten in den Sog gestrigen Denkens. Brandgeruch zieht um die Welt

Hat Europa, hat die ganze Welt die Lehren der Vergangenheit vergessen? Rund 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs geraten die modernen Gesellschaften in die ...

Hat Europa, hat die ganze Welt die Lehren der Vergangenheit vergessen? Rund 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs geraten die modernen Gesellschaften in die gefährliche Sogwirkung gestrigen Denkens. Ein neuer Nationalismus frisst sich durch die Demokratien in Europa. Abgrenzung ist angesagt statt Offenheit. Sicherheit wird in der Wahrnehmung vieler Leute wichtiger als Freiheit. Terror, Flüchtlingswellen, die Islamisierung der Türkei – dies alles verändert auch den Westen. Erst drehen sich die Stimmungen, dann die Mehrheiten – am Ende auch die Politik.

 

OZ-Bild

Von Dirk Schmaler

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Eine Art Israelisierung Europas ist im Gang. Anschläge passieren nicht mehr woanders, sondern mitten unter uns. Im Zug nach Würzburg, an der Strandpromenade von Nizza. Frankreich, eines der Mutterländer von Freiheit und Demokratie, hat in dieser Woche den Ausnahmezustand verlängert; für ein weiteres halbes Jahr kann dort die Polizei auch ohne richterlichen Beschluss Menschen verhaften.

Im Osten wagt ein lange eingehegtes Russland den Sprung zurück auf die militärische Bühne – und mitten hinein in einen neuen Ost- West-Konflikt. Im Westen jubelt ein beachtlicher Teil der US-Gesellschaft einem mindestens protektionistischen Immobilien-Tycoon zu, dem man noch vor zwei Jahren höchstens eine Karriere in einer Trash-Reality-Show zugetraut hätte. Und in der Türkei wird die Welt Zeuge, wie Recep Tayyip Erdogan binnen Tagen eine bedeutsame und in der islamischen Welt seltene historische Errungenschaft zerschmettert: die Trennung zwischen Staat und Religion.

Teile des türkischen Militärs hatten einen Putschversuch unternommen – auf den aber Erdogan offenbar nur gewartet hatte. In nur einer Woche ließ der Präsident ein Fünftel der Justiz austauschen, dazu Zehntausende Polizisten und Lehrer. Professoren haben Reiseverbot, Medien werden unterworfen. Es ist wohl erst der Anfang einer umfassenden „Säuberung“ in dem Nato-Land. Niemand weiß, wohin sie führt.

Ein unangenehmer Brandgeruch zieht um die Welt, begleitet von Vokabeln, die man aus Geschichtsbüchern kennt, die man sich aber nicht in den Abendnachrichten wünscht: Ausnahmezustand, Putsch, „Säuberungen“.

Darf man hoffen, alles werde bald vorbei sein, wie ein Gewitter, das nach Blitz und Donner weiterzieht? Danach sieht es nicht aus. Es mag pathetisch klingen. Aber jene, die gern auch in Zukunft in einem freien, geeinten und toleranten Europa leben wollen, werden sich lauter und stärker einmischen müssen in die Politik – um sie so zur Vernunft zu zwingen. Die Alternative ist, den möglichen kommenden Dingen nur stumm zuzusehen: wie die Feinde der Freiheit sich breitmachen auf den Straßen, wie 2017 Marine Le Pen zur Präsidentin Frankreichs gewählt wird, wie Rechtsstaat, Liberalität und Demokratie zurückgedrängt werden.

OZ

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