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Das Votum für Brexit führt Großbritannien nicht zu alter Größe.

Das verkleinerte Königreich Das Votum für Brexit führt Großbritannien nicht zu alter Größe.

Von Marina Kormbaki

Über Wochen und Monate haben die Kampagnenführer des Brexit-Lagers die Größe des britischen Königreichs beschworen. In nationalistischem, auch rassistischem Ton priesen sie die britische Identität und forderten die alleinige Souveränität über britische Belange. Sie haben ihr „No“ bekommen, und jetzt das: Mit dem Brexit-Votum droht das Vereinigte Königreich seine drei Jahrhunderte währende Einheit zu verlieren. Und die von vielen Briten gehasste Europäische Union steht bald womöglich trotz Brexit nicht mit weniger Mitgliedern da als heute. Das ist zu viel der bitteren Ironie, selbst für den feinen britischen Humor.

 

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Die Abstimmung über die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU hat die vielfache tiefe Spaltung der britischen Gesellschaft offengelegt. Eine Spaltung, die Arm von Reich trennt, Alt von Jung – aber auch die vier Landesteile voneinander. Während die Bürger von Wales und England – mit Ausnahme Londons – klar gegen eine EU-Mitgliedschaft gestimmt haben, sprachen sich Schotten und Nordiren entschieden für den Verbleib in der EU aus. Ihr „Remain“-Votum fiel so deutlich aus, dass übers Wochenende eine schwere Krise über die britische Demokratie hereinbrach. In Edinburgh und Belfast fragt man sich jetzt, ob die eigenen Interessen von London eigentlich noch vertreten werden können, wo man doch so grundverschieden auf Britanniens Rolle in Europa blickt.

Kaum waren alle Stimmzettel ausgezählt, betonte Schottlands Erste Ministerin Nicola Sturgeon, dass ihr Volk seine Zukunft in der EU sieht. Ein baldiger Volksentscheid über die Abspaltung vom Königreich sei „höchst wahrscheinlich“. Den gab es zwar bereits vor zwei Jahren, die Mehrheit sprach sich gegen den Alleingang aus. Damals allerdings wäre eine schottische EU-Mitgliedschaft unmöglich gewesen – London hätte sein Veto eingelegt. Doch dieser Widersacher will sich ja jetzt selbst aus dem EU-Team kicken. Derweil hebt in Nordirland die alte, an die Zeit des Bürgerkriegs gemahnende Debatte um eine Vereinigung mit Irland an. So wollen die mitregierenden Katholiken von Sinn Fein die EU-Mitgliedschaft Nordirlands im Falle eines Brexit retten. Es droht Ärger mit den protestantischen Loyalisten. Ein Wiederaufflammen des Konflikts wäre eine verheerende Folge des Brexit-Votums.

Zwar sind Schotten und Nordiren in der Vergangenheit nicht als EU-Euphoriker aufgefallen. Nationalstolz und Unabhängigkeitsbestreben prägen auch ihr Selbstverständnis. Aber lieber gibt man ein paar Kompetenzen an das ferne, stets pünktlich zahlende Brüssel ab als an das missliebige London.

Das siegreiche Brexit-Lager aus Tories und Ukip hat sein geliebtes Land kein bisschen nähergerückt an alte Größe. Es hat die Abspaltung des Vereinigten Königreichs von der EU eingeleitet. Und damit dessen Zerfall.

OZ

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