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Der Eurovision Song Contest war so politisch wie lange nicht.

Glaubwürdige Botschaft Der Eurovision Song Contest war so politisch wie lange nicht.

Von Imre Grimm

Angela Merkel hat uns den Sieg gestohlen. Niemand hat Deutschland lieb. Der Osten schiebt sich die Punkte zu, der Westen zahlt! So klang im Kern das deutsche Klagen nach dem Debakel von Stockholm, nach dem erneuten letzten Platz für Deutschland, für Jamie-Lee Kriewitz und ihre Ballade „Ghost“. Doch alle drei Erklärungsmuster sind falsch. Deutschland hat nicht verloren, weil ein genervtes Europa sich klammheimlich für Angela Merkels Hegemonialpolitik gerächt hat. Sondern schlicht, weil ein nett vorgetragenes nettes Lied einer netten Sängerin in nettem Dress nicht genügt, um 120 Millionen Fernsehzuschauern unvergessliche 180 Sekunden zu bescheren.

Der Eurovision Song Contest ist verschrien als irrelevantes Festival der Oberflächlichkeit, als grellbunter Popkindergarten. In Wahrheit geht es um mehr: um kulturelle Orientierung, emotionalen Druckausgleich durch fröhliches Geläster, politische Selbstvergewisserung. Das ESC-Publikum belohnt starke Künstler, die entweder dem Zeitgeist vollendet Ausdruck verleihen oder aber eine glaubwürdige Botschaft mitbringen: wie zuletzt 2014 Conchita Wurst, die zur paneuropäischen Toleranz-Ikone wurde. Jamie-Lees „Ghost“ tat beides nicht. Bei der ukrainischen Siegerin Jamala dagegen kam vieles zusammen: Ihr Lied spiegelte die Mischung aus Zorn und Friedenssehnsucht wieder, die viele Europäer in unsicheren Zeiten ergriffen hat. Und sie war in höchstem Maße glaubwürdig – als Tochter des muslimischen Volkes der Krimtataren, das 1944 von der Krim nach Zentralasien deportiert wurde, weil Stalin es der Kollaboration mit den Deutschen verdächtigte. Ein Komplott, wie Russland vermutete? Keinesfalls. Die Ukraine bekam Punkte aus allen Teilen Europas. Natürlich spielt Politik eine Rolle. Wie sollte es anders sein, wenn 42 Länder vom Ural bis zur Atlantikküste in einen Wettstreit treten? Der ESC 2016 war so politisch wie lange nicht. Politik allein aber hat noch nie einen ESC entschieden. Wer hier reüssieren will, muss die künstlerische Mittelmäßigkeit sehr weit hinter sich lassen. Das Publikum wittert jeden Manipulationsversuch, das zeigt nicht zuletzt der dritte Platz für die knallhart kalkulierte Techno-Leistungsshow des siegessicheren Russen Sergey Lazarev.

Und jetzt? Aussteigen? Eine ESC-Pause? Was sollte das bringen? Der ESC ist vergleichsweise kostengünstiges Entertainment. Der deutsche Etat liegt etwa bei einem halben „Tatort“. Das Interesse ist groß, das verraten 9,33 Millionen Zuschauer, der beste Wert seit 2011. Jamie-Lee ist die Pleite von Stockholm nicht anzulasten. Der letzte Platz ist nicht verdient. Aber man kann diesen Wettbewerb nicht mit Solidität, Glück und einem freundlichen Castingstar gewinnen. Man muss schon wollen. Deutschland müsste sich mal von dem Gedanken verabschieden, unbedingt geliebt werden zu wollen – und ansonsten beleidigt zu schmollen.

OZ

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