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Der Nanny-Staat

Schockbilder gegen das Rauchen: gut, aber übergriffig. Der Nanny-Staat

Nun also soll auch hierzulande der Schock seine Wirkung entfalten. Fast einmütig hat das Parlament gestern beschlossen, auf Zigarettenschachteln ab Mai großflächig ...

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Von Dirk Schmaler

Nun also soll auch hierzulande der Schock seine Wirkung entfalten. Fast einmütig hat das Parlament gestern beschlossen, auf Zigarettenschachteln ab Mai großflächig Fotos von zerfressenen Lungen, geschwärzten Zähnen oder verfaulten Raucherbeinen zu zeigen. Zur Abschreckung, um der immer noch weit verbreiteten Nikotinsucht zu begegnen. Das ist ein ehrenwertes Anliegen. Zigarettenrauch befördert Herz- und Gefäßkrankheiten, er verursacht Krebs — und Rauchen gehört zweifellos zu den unnötigsten und sinnlosesten gesundheitlichen Gefahren, denen man sich in unserer Gesellschaft freiwillig aussetzen kann.

Und doch darf man Zweifel haben, ob der seine Bürger derart umsorgende Staat es mit seinen Ekel-Bildern nicht übertreibt. Die Wissenschaft ist sich überaus uneins, ob die Bilder tatsächlich die erhoffte Wirkung entfalten. Sogar von Trotzreaktionen ist in der Forschung die Rede. Nach dem Motto: Der Staat will mir etwas vorschreiben, dann rauche ich erst recht. Die Befürworter der Ekel-Warnhinweise argumentieren allerdings schon seit Jahren mit einer Wucht, die kaum Widerrede zulässt: Selbst wenn es nur einem Jugendlichen hilft, mit der Sucht aufzuhören oder gar nicht erst anzufangen, habe es sich doch gelohnt. Schließlich schadeten die Hinweise niemandem — höchstens und im besten Fall der Zigarettenindustrie.

Doch der Grat zwischen Fürsorge und staatlicher Übergriffigkeit ist schmal. Menschen, die zur Zigarette greifen, schädigen sich freiwillig. Auch wenn es nicht jedem einleuchten mag: Es ist ihr gutes Recht.

Doch dem Nanny-Staat — und mit ihm der EU, die das Ekelbild-Gebot erlassen hat — reicht es nicht mehr, festzulegen, wie sich das Gemeinwesen organisiert. Er will auch pädagogisch wirken. Mit den Schockbildern wolle die Regierung Nichtrauchern „den Griff zur Zigarette vergällen“, sagte Landwirtschaftsminister Christian Schmidt gestern. Er steht damit nicht allein. Das Bundesgesundheitsministerium animiert in der Kampagne „Stillen — was sonst“ Eltern zum Stillen. Dort bekommt man übrigens auch den „Essens-Fahrplan“ für kleine Kinder — zur richtigen Ernährung. Das Bundesverkehrsministerium finanziert die Kampagne „Ich trag Helm“ — obwohl keine Helmpflicht für Radfahrer besteht. Und im Kanzleramt entwirft eine Arbeitsgruppe namens „Wirksam regieren“ Strategien, um das Volk sanft zu lenken — etwa zur Vorsorgeuntersuchung, zum Umweltschutz oder zur richtigen Kindererziehung.

Das alles mag in der Sache gut gemeint sein. Dahinter aber steht letztlich das Bild des Bürgers, der nicht mehr auf sich selbst aufpassen kann. Der nicht nur wissen muss, was verboten und was erlaubt ist, sondern auch vom Staat erklärt bekommt, was gut für ihn ist. Das aber ist keine staatliche Aufgabe. Oder, anders gesagt: Wir sind ja schon groß.

 

 



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