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Der entgrenzte Terror

Ein wiederkehrendes Muster suizidaler Massenmorde. Der entgrenzte Terror

In unübersichtlichen Zeiten kann das Blättern in Klassikern ein wenig Klarheit bringen.

In unübersichtlichen Zeiten kann das Blättern in Klassikern ein wenig Klarheit bringen. Vor mehr als 100 Jahren benannte der Brite Joseph Conrad in seinem Roman „Der Geheimagent“ zwei für Terroristen typische Wesenszüge: Sie sind eitel, und sie sind faul. Terroristen wollten bleibenden Eindruck in der Welt hinterlassen. Doch weil ihnen die Disziplin fehle, ihren übersteigerten Narzissmus in zivilisierter Weise zu befriedigen, wählten sie dazu die Gewalt. Je größer das Ausmaß der Vernichtung, desto größer der eigene düstere Ruhm – so mörderisch schlicht ist das Kalkül.

 

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Von Marina Kormbaki

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Der Romancier Conrad wird jetzt, nach den Anschlägen von Paris, Brüssel, Nizza und München, häufig zitiert. Seine Diagnose scheint von überzeitlicher Gültigkeit zu sein. Sie füllt einen Teil der Leerstelle, die gängige Erklärungsversuche nicht zu schließen vermögen. Würzburg, München, Ansbach – die erste Frage war stets die: Ist das Terrorismus oder die Tat eines irregeleiteten Einzelnen?

Doch diese Entweder-oder- Frage führt nicht weit. Terrorismus und psychische Schwäche schließen einander nicht aus. Die im Zeichen des gewaltverherrlichenden Islamismus verübten Massenmorde in Frankreich und Belgien waren nach allem, was bisher bekannt ist, das Werk gescheiterter Existenzen. Es zeigt sich das wiederkehrende Muster suizidaler Massenmorde: Ein offenbar als sinnlos empfundenes Leben soll zum Schluss größtmögliche Bedeutung erfahren, indem der zum Sterben Entschlossene möglichst viele mit sich in den Tod reißt.

Heute jedoch sind die Mittel zur gewaltsamen Befriedigung gekränkter Eitelkeit sehr viel wirkmächtiger als zu Zeiten Joseph Conrads. Das liegt nicht nur am verheerenden Fortschritt in der Waffentechnologie. Es liegt auch am segensreichen Fortschritt der Informationstechnologie. Der Münchner Amokläufer hat zur Ausübung seines Verbrechens nicht nur eine Glock 17 gebraucht. Er hat auch die Infrastruktur einer auf Kommunikation beruhenden Gesellschaft missbraucht. In Echtzeit konnte man im Netz verfolgen, wie David S. Jagd auf Menschen machte. Ein für die Öffentlichkeit inszenierter Massenmord.

Das Wesen des Terrors ist es, Angst zu verbreiten. In der Informationsgesellschaft ist dies sogar ohne das aktive Zutun des Attentäters möglich. Die bloßen Bilder seines Verbrechens setzen dieses endlos fort. Der Täter mag da schon tot sein. So entfaltete die Tat von Ansbach besonders große Wirkung, als die Existenz eines Videos bekannt wurde, in dem der Täter seinen Plan ankündigt. Er bezieht sich auf den Islam und den IS und weckt damit tief sitzende Ängste.

Die Mediengesellschaft steckt in einem Dilemma. Sie kann nicht nicht informieren, das würde ihrem freiheitlichen Selbstverständnis widersprechen. Wenn sie aber über die Mörder und ihren Wahn berichtet, läuft sie Gefahr, sich zum Komplizen zu machen. Der Ausweg liegt in einer Berichterstattung, die sich nicht auf Spekulationen einlässt.Berichte Seiten 2 und 3

OZ

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