Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Die AfD zeigt sich beim Parteitag selbst als Parallelgesellschaft

Fremde wären auf ewig fremd Die AfD zeigt sich beim Parteitag selbst als Parallelgesellschaft

Von Jan Sternberg

Die AfD will nicht zurück in die alte Bundesrepublik der sechziger Jahre. Würde sie nur das wollen, wäre sie zwar rückwärtsgewandt, aber harmlos. Ihr „neues Deutschland“, von dem Parteichef Jörg Meuthen auf dem Stuttgarter Parteitag sprach, wäre eine zutiefst intolerante Gesellschaft.

In der AfD-Republik entscheidet die Mehrheit über das Recht der Minderheit. Fremde sind auf ewig fremd und maximal Bürger zweiter Klasse. Moscheen sind, wenn überhaupt, gnädig geduldet. Dem Islam wird die Fähigkeit zur Reform abgesprochen, auf dass er ewig ein Gegner sei. Die Deutschen sind für viele AfD-Mitglieder bedrohte Ureinwohner auf dem Weg in die Reservate. Nur passend, dass sich das Parteivolk selbst als Parallelgesellschaft präsentierte: An sehr wenigen Orten im Land wird man wie beim AfD-Parteitag eine Gruppe von 2100 Leuten finden, die zu geschätzt 80 Prozent männlich ist und von denen fast keiner einen Migrationshintergrund hat.

Die Delegierten haben in Stuttgart aber nicht die Revolution ausgerufen. Sie haben als gute Deutsche lediglich die Bahnsteigkarte dafür gelöst. Das am meisten verwendete Wort war nicht etwa „abschieben“, sondern „Geschäftsordnungsantrag“. Durch viele solcher Anträge wurde vermieden, radikal islamfeindliche Positionen zur Abstimmung zuzulassen. Das Geschacher führte gar dazu, dass die Partei am ersten Tag fast aus Versehen ein Konzept der Null- Zuwanderung verabschiedete — nur um den Beschluss am nächsten Morgen zu revidieren.

Die Radikalen wie Björn Höcke und André Poggenburg blieben in Stuttgart stumm. Auch Beatrix von Storch bekam kaum Redezeit. Die nutzte sie zum Relativieren: Muslime dürften in Deutschland ihren Glauben ausüben.

Die AfD gab sich jede Mühe, nicht als radikale Splittergruppe dazustehen. Sie will als deutschnationale Volkspartei in die Regierungen. Jörg Meuthen skizzierte die Partei in seiner umjubelten Rede als „wertkonservativ, freiheitlich und patriotisch“. Konservativ aber bedeutet bei ihm nicht viel mehr als die Angst vor Veränderungen, freiheitlich beschränkt sich auf Referenden und die Direktwahl des Bundespräsidenten, patriotisch ist eine Relativierung der lästigen NS-Vergangenheit und ein Herausstellen deutscher Dichter und Denker.

Die AfD appelliert an Besitzstandswahrer und an die Abgehängten, die sich mit einer einfarbigen Gesellschaft trösten wollen. Das zeigt sich auch in der europäischen Kooperation: Mit Frankreichs sozialistisch-nationalem Front National gebe es nur einen „Minimalkonsens“, mit der stramm rechten, aber wirtschaftsliberalen FPÖ dagegen einen „Maximalkonsens“. Meuthen fordert einen „gesunden, unverkrampften Patriotismus“. Von Abwehrkräften gegen rechtsradikale Menschenfeinde spricht er nicht. Deshalb macht sein neues Deutschland Angst.

OZ

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
OZ-Bild
mehr
Mehr aus Kommentar
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Umfrage, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Umfragen" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Umfragen“ 2015-09-23 de MEINUNG Aktuelle Umfrage Ihre Meinung zählt: Geben Sie ein Votum ab zu aktuellen Themen aus Politik, Wirt- schaft und anderen Gebieten. Alle Umfragen auf einen Blick finden Sie hier.