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Die Denkmäler zerfallen

Der Zeitenwandel im Fußball entzaubert Franz Beckenbauer. Die Denkmäler zerfallen

Sie haben sich für das „Sommermärchen“ feiern lassen: Franz Beckenbauer hat die Fußball-WM 2006 mit Hilfe einer Ochsentour durch die FIFA-Mitgliedsstaaten nach Deutschland geholt.

Sie haben sich für das „Sommermärchen“ feiern lassen: Franz Beckenbauer hat die Fußball-WM 2006 mit Hilfe einer Ochsentour durch die FIFA-Mitgliedsstaaten nach Deutschland geholt. Dahinter zog eine verschworene DFB-Männerclique die Fäden. Die Sprachregelung lautete: Deutschlands Bewerbung war so gut, dass die FIFA-Entscheider nicht anders konnten, als für Schwarz-Rot-Gold als WM-Ausrichter zu stimmen. Gerüchte über Unregelmäßigkeiten bei der Stimmabgabe wurden weggewischt. „Das Sommermärchen bleibt das Sommermärchen“, hatte der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach noch im Herbst vergangenen Jahres klargestellt. Da war der Ruf eines Turniers, das im Fairplay-Modus erkämpft wurde, bereits mehr als gefährdet.

Jetzt gehen auch die damaligen Macher mit unter. Die Schweizer Bundesanwaltschaft ermittelt gegen Beckenbauer, Niersbach, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger– alle jahrzehntelang treue Diener des DFB. Die Zeit hat notdürftig zugetackerte Wunden schmerzhaft wieder aufgerissen.

Weil sich die Zeit geändert hat. Im Zuge der Enthüllungen aus der Funktionärsebene des Weltfußballs ist klar geworden: Das beliebteste Spiel der Welt diente Geschäftemachern und Hinterzimmerklünglern viel zu lange als Selbstbedienungsladen. Und an diesem Spiel hat sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) – wer will daran heute noch zweifeln? – eifrig beteiligt. Mit dem sicherlich hehren Ziel, den Deutschen die WM zu schenken (und sich selbst ein Denkmal zu setzen), hat sich die DFB-Männerclique auf dubiose Deals eingelassen. Was damals als normal galt, könnte für Beckenbauer und Co. nun vor einem Schweizer Gericht enden. Die Denkmäler bröckeln nicht mehr – sie zerfallen.

Besonders schmerzhaft erfährt Franz Beckenbauer diesen Zeitenwandel. Er war wahlweise der Franz oder der Herr Beckenbauer – Fußball- Kaiser, Lichtgestalt, Weltmarke. Ein Mann, der vom Weizenbierglas das Loch in der Torwand traf. Altkanzler Gerhard Schröder feierte den 70-Jährigen unlängst als „Organisator der WM“, „der sich für sein Land verdient gemacht hat“. Beckenbauer wirkte zu lässig, als dass ihm irgendjemand etwas hätte anhaben können.

Heute ist klar: Beckenbauer hat Lässigkeit zu oft mit Fahrlässigkeit verwechselt. Hat erst lange geschwiegen, sich dann in typischer Kaiser- Manier als vertrauensseliger Herrscher inszeniert, der alles unterschrieb, was ihm seine Vasallen vorlegten. Die drängenden Fragen rund um die WM-Affäre hat er nicht beantwortet.

Früher, als ein „Katsche“ Schwarzenbeck auf dem Platz oder seine Co-Trainer für ihn die Drecksarbeit machten, kam Beckenbauer damit durch. Heute nicht mehr. Hart für ihn und seine Legende, aber notwendig als Zeichen für eine neue Funktionärswelt in dem Sport, den so viele Menschen so sehr lieben. Sport

OZ

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