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Die Rede in Hannover wurde zum Weckruf an die Europäer.

Orientierungshilfe von Obama Die Rede in Hannover wurde zum Weckruf an die Europäer.

Von Matthias Koch

Bekommen unsere europäischen Politiker so etwas schon nicht mehr hin? Ausgerechnet ein Nichteuropäer hat jetzt mit verblüffender Wucht ein beeindruckendes Plädoyer für die europäische Einheit hingelegt: Barack Obama.

 

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„Ja, wir leben in beängstigenden Zeiten“ räumte Obama in seiner Rede in Hannover ein. Er verstehe die Verunsicherung durch die Moderne. Hier und da wachse der Wunsch, sich ins Vertraute zu verkriechen, neue Mauern hochzuziehen entlang von Rassen oder Religionen. Genau dieses Denken aber drehe die Zeit zurück und führe ins Verderben, im Extremfall sogar zu mörderischen „ethnischen Säuberungen“ wie in Srebrenica. Nötig sei heute eine Neubesinnung auf das, was schon die Gründer der EU gepredigt hätten: Zusammenarbeit über alle nationalen und kulturellen Grenzen hinweg. Mehrfach zitierte Obama Konrad Adenauer.

Eigentlich hatte Obama in seinem Leben bislang mit Europa, mit Adenauer gar, wenig zu tun. Obamas Vater war Kenianer, mit seiner Mutter lebte er zeitweise in Indonesien, später als Collegestudent in Los Angeles. Als US-Präsident pflegte er einen wahrhaft globalen Blick auf den Rest der Welt. Europa jedenfalls schien ihm nicht wichtiger als andere Gegenden.

Inzwischen haben sich die Wahrnehmungen im Weißen Haus gewandelt. Denn die Europäische Union droht zu zerbröckeln. Es ist ein langsamer, aber unübersehbarer Prozess. Von Skandinavien bis Südeuropa bohren rechtspopulistische Gruppen tagein tagaus immer neue Löcher ins europäische Gebälk. In Frankreich könnte der Front National bald vorn liegen. In Österreich hat soeben ein FPÖ-Mann die erste Runde der Präsidentschaftswahl gewonnen. In Deutschland war die AfD bei den Landtagswahlen im März stark wie nie.

Was, wenn das Projekt Europa platzt? Wenn der Film der europäischen Geschichte plötzlich auf gespenstische Art rückwärts zu laufen beginnt? Dies hätte, warnt Obama, üble weltpolitische Fernwirkungen;

es würde rund um den Globus alle Bemühungen überschatten, Feindschaften und Vorurteile hinter sich zu lassen. Deshalb gelte: „Nicht nur Amerika, die ganze Welt braucht ein geeintes Europa.“

Haben die Europäer, die Jungen zumal, vergessen, welchen Schatz sie in Händen halten? Es war jedenfalls gut, dass Obama sie daran erinnert hat. Der Weckruf von Hannover kam zur rechten Zeit. Und doch blieb nach der Rede eher Wehmut als Aufbruchstimmung zurück. Wer den Redner winkend und händeschüttelnd aus der Halle ziehen sah, fragte sich, ob in den USA auch nach der Präsidentenwahl im November noch ein vergleichbarer Freund Europas die Macht ausüben wird. Mit Blick auf all die klugen und menschlich warmherzigen Dinge, die Obama in Hannover gesagt hat, lässt der Gedanke an einen möglichen US-Präsidenten Donald Trump noch mehr frösteln als zuvor.

OZ

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