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Die Seele des Spiels

Der Profifußball feiert im Pokal seine eigene Ehrenrettung. Die Seele des Spiels

Jeder kann jeden schlagen. Ein kurzer Moment kann dem Außenseiter den Sieg über den Favoriten bescheren. So einfach ist die Grundidee des Fußballs, so einfach begrenzbar der Hort seiner Faszination.

Jeder kann jeden schlagen. Ein kurzer Moment kann dem Außenseiter den Sieg über den Favoriten bescheren. So einfach ist die Grundidee des Fußballs, so einfach begrenzbar der Hort seiner Faszination. Deswegen pilgern Woche für Woche Hunderttausende in die Stadien. Sie wollen sich positiv überraschen lassen, gehen dabei sogar das Risiko ein, nach 90 Minuten emotional leidend die Arena wieder zu verlassen. Es steht eben vorher nicht fest, wer gewinnt.

Eigentlich. Denn im Fußball-Kapitalismus wird das Überraschungsmoment mehr und mehr minimiert. Sport-Unternehmen wie der FC Bayern München sind dem großen Rest wirtschaftlich so weit enteilt, dass in der Bundesliga kaum jemand am fünften Meistertitel des deutschen Rekordmeisters in Folge zweifelt. Spaniens Rekordmeister Real Madrid ködert seine Superstars mit Jahresgehältern, die 20 Millionen Euro überschreiten. Längst kokettieren europäische Spitzenklubs mit einer Superliga, in der sie unter sich bleiben dürften. Im Kicker-Gigantismus schießt Geld halt doch Tore. Und noch fließt das Geld, weil sich die Inszenierung der Stars so wunderbar vermarkten lässt. Die traurige, weil nicht mehr zurückzudrehende Konsequenz: Der Fußball wird berechenbarer.

Wie schön, wenn die Grundidee dieses Sports dann für einen Moment wieder greifbar wird, weil der Fußball vom Dorf die vermeintlich glitzernde Elite schlägt. Nach der zweiten Runde des laufenden DFB-Pokals feiern Klubs wie FC-Astoria Walldorf aus der vierten und die Sportfreunde Lotte aus der dritten Liga. Mit dem unerschütterlichen Glauben daran, dass in dieser einen Sekunde alles möglich ist, haben Teilzeitprofis und Amateure die Profis von Darmstadt 98 (Walldorf) und Bayer Leverkusen (Lotte) aus dem Wettbewerb geworfen. Zweitligaspieler aus Fürth und Sandhausen dürfen stolz von ihren Erfolgen gegen Mainz und Freiburg berichten. Die halbe Bundesliga ist raus. Zum Teil blamiert in all ihrer Überheblichkeit.

Zum Vergleich: Während die Profis aus Darmstadt gestern ihr Training absolvierten, saß Timo Kern, Kapitän des Gegners vom Vorabend, als Student im Hörsaal. Andere Walldorfer Pokalhelden hatten an ihrem Arbeitsplatz zu erscheinen. Siegtorschütze Nico Hillenbrand ließ sich zum Bürokaufmann ausbilden, weil er das sicherer fand, als auf die Profikarte zu setzen.

Solche Geschichten taugen für Stammtischgespräche, weil sie sympathisch, nahbar, leidenschaftlich erscheinen und Identifikationspotenzial über die sportliche Sensation hinaus bieten. Außerdem geben Duelle wie in dieser Woche für einen Augenblick den Glauben daran zurück, dass das Spiel seine Unberechenbarkeit dank eines Wettbewerbs wie des DFB-Pokals nicht gänzlich verloren hat.

Deswegen war diese Woche von großem Wert. Für die Fans – und für den Fußball.

OZ

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