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Die USA leben über ihre Verhältnisse: Davon profitiert Trump.

Neues Haus, neues Auto, neue Angst Die USA leben über ihre Verhältnisse: Davon profitiert Trump.

Von Stefan Koch

Tief verunsichert blickt Europa auf Amerika. Was ist da passiert? Und warum? Die Wahl des 45. US-Präsidenten erscheint wie ein Betriebsunfall der Weltgeschichte.

Schnell machten dieser Tage erste Deutungen die Runde. Arme, Abgehängte und Modernisierungsverlierer, so hieß es oft, hätten sich für Donald Trump entschieden. Man muss etwas genauer hinsehen.

Richtig ist: Bei den Älteren sammelte Trump deutlich mehr Punkte als bei den Jungen, auf dem Land mehr als in den Städten. Doch viele andere Trennlinien entpuppen sich inzwischen als Mythos. In den Wählergruppen mit dem allergeringsten Einkommen lag meist Hillary Clinton vorn; man wusste, dass die Demokraten den Geringverdienern etwa beim Thema Gesundheitsfürsorge noch am ehesten helfen würden.

Trump will bekanntlich Obamacare gleich wieder einkassieren.

Entscheidend für Trumps Sieg war ein Schwenk in der Mittelklasse. Mehr als die Hälfte der weißen Frauen stimmte für Trump, ebenso mehr als die Hälfte der Weißen mit Hochschulabschluss. Viele von ihnen hatten in den Jahren 2008 oder 2012 auch schon mal für Barack Obama gestimmt.

Die vielzitierten „Sorgen und Nöte“ dieser amerikanischen Bürger sind sehr speziell. Man muss für sie nicht sammeln gehen. Sie als Fortschrittsverlierer zu bezeichnen oder gar als abgehängt, wäre aberwitzig. Viele von ihnen haben ein hübsches Haus irgendwo in einer grünen Vorstadt und eine Garage mit zwei blinkenden Autos. Ihr Jahreseinkommen liegt heute im Durchschnitt um mehrere tausend Euro höher als noch vor vier Jahren.

Woher kommt dann die wachsende gefühlte Unsicherheit? Wer sich die Vermögenslage der Trump-Wähler insgesamt anschaut, stellt eine enorme Schieflage fest: Ganz gleich ob sie auf 100 000 oder auf 200 000 Euro Jahresgehalt kommen, viele tragen einen allzu großen Schuldenberg mit sich herum.

Die Amerikaner sprechen nicht gern darüber: Die Gesamtverschuldung der Privathaushalte ist seit 2013 um zehn Prozent gestiegen. Insgesamt stehen sie mit einer Rekordsumme von 12,3 Billionen Dollar in der Kreide.

Dennoch kaufen sie hemmungslos weiter auf Pump ein. Sie finanzieren ihr Haus komplett und gönnen sich Neuwagen und Urlaub auf Kredit. Fröhlich einkalkuliert werden dabei stetig wachsende Immobilienpreise – als habe es Lehman-Pleite und Finanzkrise nie gegeben.

Nichts fürchtet diese Schicht von besorgten Bürgern mehr als den Tag der Wahrheit, an dem deutlich wird, dass alle ihre Kalkulationen nichts anderes sind als Bleistiftlinien auf dem Papier. Trump aber – das ist aus ihrer Sicht das Wunderbare an dem neuen Präsidenten –will die Kreditregulierungen wieder lockern. Er verlängert jetzt ihren amerikanischen Traum. Niemand weiß, wann der Wecker klingelt.

OZ

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