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Dresden hat zur Einheitsfeier sein ehrliches Gesicht gezeigt

Freiheit allein scheint zu wenig Dresden hat zur Einheitsfeier sein ehrliches Gesicht gezeigt

Von Dirk Birgel

Wer gehofft hatte, Dresden würde sich am 26. Jahrestag der deutschen Einheit von seiner besten Seite präsentieren, der dürfte nach der dreitägigen Sause enttäuscht sein. Dresden hat sich so präsentiert wie die Stadt anno 2016 tatsächlich ist – schön, kulturvoll und leider auch laut und unerträglich niveaulos im Protest.

Das Wichtigste vorneweg. Wir reden von einer Minderheit und es ist weitgehend gewaltfrei geblieben. Die Sprengstoffattacken im Vorfeld und der Anschlag auf Polizeiwagen sind schlimm genug. Aber niemand hat körperlichen Schaden genommen. Eigentlich schlimm, dass wir in einer Zeit leben, in der man so etwas betonen muss. Die Demokratie hat einiges auszuhalten. Einerseits die Bedrohung durch islamistische Terrorgruppen, andererseits Anschläge von rechten wie linken Wirrköpfen und nicht zu vergessen die Pöbeleien der Unzufriedenen.

Wes Geistes Kind die Männer und Frauen um Pegida-Anführer Lutz Bachmann sind, zeigten sie der Weltöffentlichkeit beim offiziellen Teil der Feiern. Trillerpfeifen, „Volksverräter“-Gejohle, „Merkel muss weg“-Rufe. Die Gäste des Festgottesdienstes in der Frauenkirche fühlten sich an ein Spießrutenlaufen erinnert. Ein dunkelhäutiger Mann wurde gar von Affenlauten und „Abschieben“-Forderungen ins Gotteshaus begleitet. Und niemand ringsherum empörte sich.

Dass Ministerpräsident und Gastgeber Stanislaw Tillich (CDU) später bekannte, beschämt zu sein, war das Mindeste, was an Reaktion hierauf nötig war. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) wurde deutlicher, als er davon sprach, dass diejenigen, die besonders laut pfeifen, schreien und ihre Empörung zu Markte tragen, offenkundig das geringste Erinnerungsvermögen daran haben, wie es in Dresden und andernorts vor der Einheit ausgesehen hat.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer: 26 Jahre nach der Einheit sind viele im Osten unzufrieden, ja frustriert, und in dem für sie neuen Land und System nicht angekommen. Helmut Kohls euphorische Ankündigung, niemandem würde es schlechter gehen, war offenbar zu vollmundig. Natürlich gibt es sie, die blühenden Landschaften, von denen der Kanzler der Einheit einst sprach. Vor allem in Sachsen.

Und natürlich ist seit 1990 in Ost und West Beachtliches geleistet worden. Aber viele Menschen, nicht nur die Krakeeler, fragen: Was habe ich davon? Freiheit allein scheint zu wenig.

Dementsprechend war auch die Stimmung. Fröhlich sieht anders aus, und das lag nicht allein am fiesen Wetter und der hohen Polizeipräsenz. 2600 Einsatzkräfte und zahlreiche Absperrungen waren nötig, um das Fest zu sichern. Warum trotz dieser Sicherheitsmaßnahmen Pegida die Stadt zu ihrer Bühne machen konnte, wird zu klären sein. Aber wie gesagt: Dresden hat sein ehrliches Gesicht gezeigt.

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OZ

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