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Franziskus mahnt Europa zu mehr Menschlichkeit.

Regierungsauftrag vom Papst Franziskus mahnt Europa zu mehr Menschlichkeit.

Von Marina Kormbaki

Psychiater sprechen von einer Depersonalisation, wenn ein Mensch sich selbst fremd wird. Der Betroffene leidet unter dem Eindruck, dass sein Körper, sein Charakter nicht mehr zu ihm gehört. Er erkennt sich selbst nicht wieder. In solch einem Zustand befindet sich Europa. Hielte jemand dem Staatenbund einen Spiegel hin, würde Europa in eine von nationalen Egoismen verzerrte Fratze blicken.

 

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Der Sinn für die Werte, die Europa im Kern ausmachen, scheint den Europäern auf dem Weg von Krisengipfel zu Krisengipfel abhandengekommen zu sein. In Fällen von Depersonalisation sind gute Freunde Gold wert.

Wie gut, dass Europa ein paar nicht-europäische Freunde mit ungetrübtem Blick fürs Wesentliche hat. Vor zwei Wochen war es der US-Präsident Obama, der Europa bei seinem Hannover-Besuch zur Einigkeit ermahnte. Gestern in Rom redete der Argentinier, Papst Franziskus, den Europäern ins Gewissen. So unterschiedlich beide Ansprachen waren, teilen sie doch eine Botschaft: Europäer, ihr seid zu Besserem imstande.

Der Papst zählt zu den sehr wenigen Trägern des Karlspreises, die nicht aus der Politik stammen. Der Preis wird für Verdienste um Europa verliehen. Dass ihn in diesem Jahr kein Politiker erhalten hat, lässt sich als großzügige Geste der Stifter deuten — aber auch als Krisensymptom: Im Führungspersonal des Kontinents mangelt es offenbar an Persönlichkeiten, die die EU aus der tiefen Vertrauenskrise führen könnten. Die Kameraschwenks in die erste Reihe der Sala Regia während der Preisverleihung verstärkten diesen Eindruck nur noch. Dort saßen, mit vor Jahren schon umgehängter Karlsmedaille, die drei Präsidenten der Europäischen Institutionen, die Kanzlerin und der EZB-Chef. Alle schauten nachdenklich drein, als der Papst fragte: „Was ist los mit dir, humanistisches Europa?“ Die Gesichtsausdrücke der Gäste in der ersten Reihe passten nicht zu einem Festakt. Sie ließen an einen Bußgang denken. Der Papst hat nicht nur für mehr Mitmenschlichkeit gegenüber Flüchtlingen geworben, sondern auch für mehr kulturelle Offenheit. Er hat auch an die arbeitslose Jugend erinnert und das „auf Profit und Spekulation“ begründete Wirtschaftssystem gegeißelt. Starke Worte, wahre Worte. So kennt man Franziskus. Der Pontifex hat geliefert.

Die mahnenden Worte des Papstes bieten aber keine Absolution für Flüchtlingsdeals und Steuerschlupflöcher. Audienzen bei Franziskus sollten nicht dazu dienen, den Moral-Akku von Regierungschefs aufzuladen, damit diese sich besseren Gewissens der Kleinstaaterei und dem Ressentiment zuwenden können. Der Papst selbst macht deutlich, dass sein Wort nicht genug ist. Er fordert die „Solidarität der Tat“ ein. Das ist ein Regierungsauftrag. Ihn müssen Europas Politiker befolgen, wenn Europa zurück zu sich selbst finden soll.

OZ

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