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In deutschen Werken stehen Zehntausende Jobs auf dem Spiel

Die Stahlbranche in neuer Angst In deutschen Werken stehen Zehntausende Jobs auf dem Spiel

Von Stefan Winter

Es ist ein fast nostalgischer Termin für Sigmar Gabriel — im Guten wie im Schlechten. Seit‘ an Seit‘ will der Bundeswirtschaftsminister heute mit Stahlwerkern durch Duisburg schreiten. Es ist ein bisschen wie damals, als Arbeiter und SPD noch eins waren. Und als die deutsche Stahlindustrie schon einmal in einen dunklen Abgrund blickte. Das tut sie jetzt wieder. Ob in Duisburg oder Salzgitter, Hennigsdorf oder Freital — in Stahlwerken und ihrem Umfeld stehen Zehntausende Arbeitsplätze auf dem Spiel.

 

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Einen Grund dafür wird man in den Reden heute oft hören: China produziert Stahl mit Niedriglöhnen und jämmerlichen Umweltstandards. Weil die heimische Nachfrage schrumpft, wird zu Dumpingpreisen kräftig gen Westen exportiert. Mit dem zweiten Grund wird Gabriel schon vorsichtiger umgehen: Europäische Emissionsregeln und Nebenwirkungen der Energiewende führen hiesige Stahlwerke inzwischen an die Grenzen des technisch und finanziell Machbaren. Und überhaupt nichts wird man wohl davon hören, dass auch in Europa Werke laufen, die die Welt nicht braucht — zum Beispiel im italienischen Taranto, wo das größte Stahlwerk Europas unter Staatsverwaltung am Leben erhalten wird. Die Regierung will es mit Milliardenaufwand modernisieren und zum Schrecken der Konkurrenz die Produktion hochfahren. In Großbritannien hat der Tata-Konzern jetzt sämtliche Werke zur Disposition gestellt, und Premier David Cameron sieht sich bereits unter Druck, es so zu machen wie die Italiener. Die Motive der Italiener sind nicht schlechter als die der anderen: Alle wollen Arbeitsplätze retten. Doch das würde wie immer nur für ein paar teure Jahre gut gehen — bevor die Krise dann umso härter wieder aufbricht.

Wer es sich leicht machen will, kann die eine oder andere reine Lehre anwenden, wahlweise in der ökonomischen oder ökologischen Variante. Akzeptiert man, dass Chinesen und Russen konkurrenzlos billig sind, könnte man Westeuropas Stahlwerke einfach sterben lassen. Hält man die Industrie für die Wurzel allen Klimaübels, könnte man es ebenfalls tun. Vernünftig ist beides nicht. Den Ökonomen muss klar sein, dass Europa sich dann einiger Schlüsseltechnologien beraubt; die Ökologen wiederum müssten ohne Stahl leben — oder ein emissionsfreies Werk in China finden.

Wer möglichst viel von der europäischen Stahlbranche erhalten will, kommt mit reinen Lehren nicht weiter, er muss ihr erst einmal Chancengleichheit im Wettbewerb verschaffen. Dazu wird auch eine härtere Linie gegen China gehören — wobei aber ein ernster Handelskonflikt Europa mehr schaden als nützen würde. Deshalb kommt Europa auch an Einschnitten nicht vorbei. Zugleich wird man akzeptieren müssen, dass Stahlwerke Emissionen minimieren, aber nicht abschalten können. Es geht um einen klugen Mix aus Industrie-, Sozial- und Umweltpolitik — im Grunde wie gemacht für einen SPD-Wirtschaftsminister.

OZ

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