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Mehr Mumm in der Mitte

Die Bundespräsidentenwahl könnte einen neuen Ruck bringen. Mehr Mumm in der Mitte

Wer ist bereit zu kandidieren? Wenn beim Elternabend diese Frage kommt, weil ein neuer Vertreter gewählt werden muss, breitet sich oft peinliche Stille aus.

Wer ist bereit zu kandidieren? Wenn beim Elternabend diese Frage kommt, weil ein neuer Vertreter gewählt werden muss, breitet sich oft peinliche Stille aus. Einige blicken auf ihre Fingernägel, andere zur Decke. Eine ähnliche abwartende Stimmung liegt derzeit über ganz Deutschland. Am 12. Februar steht die Wahl des Bundespräsidenten an – doch keiner will auch nur als Kandidat genannt werden.

 

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Von Matthias Koch

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Andreas Vosskuhle, Präsident des Verfassungsgerichts, soll nach einer ersten Sondierung von Angela Merkel gesagt haben, seine Familie wolle nicht nach Berlin. Die frühere Bischöfin Margot Käßmann erklärte, sie stehe „für dieses Amt nicht zur Verfügung“. Norbert Lammert, Bundestagspräsident, verwies diese Woche auf seine schon vor einem Jahr formulierte Absage: „Ich glaube, dass das für mich nicht das richtige Amt ist und ich für das Amt nicht der richtige Kandidat bin.“

Alle passen also sehr gut auf sich selbst auf. Und niemand merkt, dass am Ende die Demokratie insgesamt eine Schramme abbekommt, wenn der Eindruck entsteht, der Posten des Bundespräsidenten werde mittlerweile angeboten wie sauer Bier. Ein Missstand überschattet seit Langem die deutsche Politik: Extremisten, Populisten und Pöbler werden immer lauter, die Mitte dagegen wird immer leiser.

Deutschlands Eliten führen am Wochenende düstere Debatten über drohende Weimarer Verhältnisse – und wenden sich dann am Montag wieder ihrem weit von der Politik entfernten Job zu, in der Wirtschaft, in der Wissenschaft, in der Kunst.

Die Union und die SPD beginnen darob zu resignieren. Vielleicht schicken sie ganz einfach Frank-Walter Steinmeier gegen Gerda Hasselfeldt ins Rennen; eine schlechte Lösung käme dabei nicht heraus.

Allerdings hätte sich damit das Berliner Establishment einfach nur selbst regeneriert. Land und Leute dagegen könnten aber jetzt mehr denn je einen Querdenker gebrauchen, der die Lager vereint und im Schloss Bellevue neue Zeichen setzt: Dies ist unser aller Land, jetzt muss die Mitte der Gesellschaft mal die Ärmel aufkrempeln, neues Selbstbewusstsein zeigen und aufhören, sich von aufgeblasenen Figuren am rechten Rand einschüchtern zu lassen.

Aber ist die Berliner Szene auch kreativ genug, eine solche Figur zu finden? Passen würde ein sozial kompetenter Wirtschaftsführer. Ein ökonomisch versierter Gewerkschafter. Eine kommunikativ begabte Wissenschaftlerin wie die Soziologin Jutta Allmendinger. Vielleicht gar jemand aus dem Showgeschäft wie Günther Jauch, politisch engagiert, inzwischen 60 Jahre alt und weit mehr als ein Rätselonkel.

Der nachdenkliche Grüne Joschka Fischer könnte sich seiner Wahl nicht sicher sein, hätte der Republik aber eine ganze Menge zu sagen. Je unverkrampfter es zugeht, umso eher bietet die Bundespräsidentenwahl die Chance auf den berühmten Ruck, den schon Roman Herzog gefordert hat. Eines jedenfalls steht fest: Der Blick auf die eigenen Fingernägel hilft uns allen nicht weiter.

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