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Menschen sollten sich darauf besinnen, zu teilen statt auszuteilen

Der Wert der Einheit Menschen sollten sich darauf besinnen, zu teilen statt auszuteilen

Von Rüdiger Ditz

Am Montag feiern wir den Tag der Deutschen Einheit. Aber wem ist zum Feiern zumute? 26 Jahre ist es her, dass die beiden deutschen Staaten offiziell wieder eins wurden. Oder, wie die SPD-Legende Willy Brandt damals griffig formulierte: „Es wächst zusammen, was zusammengehört.“ Ein knappes Jahr war es her, dass in der damaligen DDR die friedliche Revolution in Leipzig und anderen Orten den ostdeutschen Staat hinweggefegt hatte.

Es war eine Zeit großer Worte: „Die Einheit Deutschlands ist vollendet . . . Wir wollen in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt dienen“, verkündete Bundespräsident Richard von Weizsäcker beim Festakt zu den Feierlichkeiten. Lothar de Maizière, letzter Ministerpräsident der DDR, hatte in der Volkskammer erklärt: „Die Teilung kann tatsächlich nur durch Teilen aufgehoben werden.“ Lang ist’s her.

Heute wird mehr ausgeteilt als geteilt – wie im schleswig-holsteinischen Oersdorf, wo vorgestern der Bürgermeister erst bedroht und dann niedergeknüppelt wurde. Oder in Köln, wo die Bürgermeisterin Reker vor knapp einem Jahr niedergestochen wurde. Oder in Bautzen, Heidenau, Clausnitz, wo der rechte Mob Jagd auf Ausländer machte.

Natürlich ist die Einheit Deutschlands unvollendet. Gleiche Lebensbedingungen in allen Regionen gab und gibt es nicht – Stichwort Rente, Stichwort Arbeitsplätze – geschweige denn blühende Landschaften. Wenn man heute den Zustand der Einheit betrachtet – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa, zwischen Ost und West, Muslimen und Andersgläubigen –, dann scheinen alle Bemühungen mehr auf Teilung als aufs Teilen ausgerichtet. Ausgleich und Verständigung verlieren ihren Wert, Polarisierung und Egoismen setzen sich durch. Die Finanzkrise, Flüchtlingsdebatte und Bürokratie haben vielen Europäern den Gemeinschaftsgedanken ausgetrieben. An dessen Stelle tritt durch Rechtspopulismus, Fremdenhass und Nationalismus gespeiste Zwietracht. Und im globalen Wettstreit um Einflusssphären ringen die Großmächte fast so wie zu Zeiten des Kalten Kriegs. Ist das Gemetzel in Syrien etwas anderes als die Stellvertreterkriege in Korea, Vietnam oder Kambodscha?

Die Architekten der Einheit Deutschlands und Europas hatten aus der Geschichte gelernt: Trennung, Nationalismus und Chauvinismus führen dazu, dass man sich fremd wird, dass der Kontakt abreißt, dass Konflikte entstehen, die im schlimmsten Fall zu Leid und Elend führen. Diese verhängnisvolle Verkettung hat Europa und Deutschland fürchterliche Kriege beschert. Warum sind Bürger und Politiker hierzulande und im Ausland dennoch so geschichtsvergessen, dass sie diese Lehren außer Acht lassen?

Der Tag der Einheit sollte sie daran erinnern, was für einen Wert die Einheit hat. Dann gibt es Grund zu feiern.

OZ

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