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Nichts gelernt aus Tschernobyl

Noch immer wird das Risiko der Atomkraft vielerorts kleingeredet. Nichts gelernt aus Tschernobyl

Manchmal ist es nicht schön, recht behalten zu haben. Manchmal ist es sogar ziemlich furchtbar.

Manchmal ist es nicht schön, recht behalten zu haben. Manchmal ist es sogar ziemlich furchtbar. Das war so ungefähr das Lebensgefühl, das sich 1986 im Westen nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl in der Anti-Atom-Bewegung breitmachte. Im Osten dagegen wurde das Unglück zunächst verschwiegen, später hieß es, niemand müsse sich Sorgen machen. In beiden Teilen Deutschlands wurde die Atomenergie weiter verteidigt, die offiziellen Stellen beteuerten, dass so etwas bei uns nicht passieren könne.

Erstaunlicherweise hört man solche absurden Behauptungen in vielen Staaten der Erde bis heute. Obgleich sich das 1986 vielzitierte Restrisiko als ziemlich groß erwiesen hat, hat diese gefährliche Technologie noch immer verblüffend viele Anhänger. China, Russland, Polen, Tschechien, die USA und eine ganze Reihe weiterer Länder planen heute neue Atomkraftwerke — weltweit sind es mehr als 100.

Selbst die Ukraine und Japan zählen trotz Tschernobyl und Fukushima zu diesen Ländern. Und unsere belgischen Nachbarn sehen offenbar kein Problem darin, Atomkraftwerke zu betreiben, deren Druckbehälter deutliche Risse aufweisen.

Haben die Verantwortlichen nichts gelernt aus den Ereignissen? Offensichtlich nicht. Das hohe Risiko beim Betrieb von Kernkraftwerken wird ebenso großzügig übersehen wie die unklare Entsorgungslage.

Oder wider besseren Wissens ganz einfach abgestritten.

Das hat Tradition. Schon 1986 waren die Folgen des Unfalls grotesk verniedlicht worden. So sprachen etwa die DDR-Medien davon, dass alles unter Kontrolle sei und sich die Radioaktivität auf niedrigem Niveau stabilisiert hätte — während gleichzeitig die sowjetischen Behörden in Bonn und Stockholm nachfragten, ob man vielleicht mit Experten behilflich sein könne, die über Erfahrungen mit einem Graphitbrand verfügten. Zumindest das war ein Offenbarungseid — wenn auch hinter vorgehaltener Hand.

Natürlich hatte die Atomkatastrophe von Tschernobyl technische Besonderheiten, die sich nicht auf Kernkraftwerke deutscher Bauart übertragen lassen. Hierzulande gibt es keine graphitmoderierten Reaktoren wie in Tschernobyl. Der tagelang nicht löschbare Graphitbrand war damals eines der größten Probleme.

Aber das sollte niemanden beruhigen. Die Techniken mögen unterschiedlich sein, das Risiko bei der Kernspaltung ist dennoch stets hoch. Die partielle Kernschmelze von Harrisburg 1979 sowie gleich drei Kernschmelzen in Fukushima 2011 belegen das. Auch das schwedische Atomkraftwerk Forsmark entging 2006 einer Kernschmelze nur um wenige Minuten und nur mit sehr viel Glück.

Forsmark und Fukushima sind übrigens Leichtwasserreaktoren, ebenso wie Harrisburg — und alle heute noch in Deutschland in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke.

OZ

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