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Nobelpreis für Santos öffnet Europa den Blick auf eigene Konflikte

Frieden ist machbar Nobelpreis für Santos öffnet Europa den Blick auf eigene Konflikte

Von Jörg Kallmeyer

Muss man wirklich in die Ferne schweifen, um einen Funken Hoffnung in der Welt zu finden? Der Friedensnobelpreis geht nach Kolumbien, knapp 10 000 Kilometer Luftlinie entfernt von den Kriegsschauplätzen, die uns im Moment bewegen. Wäre es nicht ein gutes politisches Signal gewesen, wenn die Weißhelme in Syrien den Preis bekommen hätten? Oder doch Angela Merkel, die mit ihrer Flüchtlingspolitik Humanität gezeigt hat? Solche Fragen sind getragen von Sorgen, die viele Europäer teilen. Sie zeigen aber auch: Europa blickt vor allem auf sich selbst.

 

OZ-Bild

Den Friedensnobelpreis an Kolumbiens Präsidenten Juan Manuel Santos zu vergeben ist eine gute Entscheidung: Sie öffnet Europa den Blick – und sie zeigt ungewohnte Perspektiven auf. Um uns herum scheint der Frieden – der innere wie der äußere – so bedroht wie lange nicht mehr. Es drängen Politiker an die Macht, die vor allem an Krawall und Konflikt orientiert sind. Doch das gilt eben nicht für die ganze Welt.

Jahrzehntelang war Lateinamerika der Inbegriff für Gewalt, Instabilität und Chaos. Besonders Kolumbien stach hervor. 52 Jahre lang dauerte der Bürgerkrieg zwischen den Farc-Rebellen, den staatlichen Truppen und den Paramilitärs – der längste bewaffnete Konflikt auf amerikanischem Boden. Ausgerechnet aus Kolumbien kommt nun die Botschaft: Frieden ist möglich. Wenn man ihn denn nur will.

Nobelpreisträger Santos ist zu der Überzeugung gelangt, dass sich sein Land den Krieg nicht mehr leisten kann, und hat den Friedensprozess generalstabsmäßig organisiert. Die Aufgabe war gewaltig: In Kolumbien gibt es nur wenige Menschen, die wissen, was Frieden bedeutet und die keinen Angehörigen verloren haben. Ganze Wirtschaftszweige funktionieren nur, weil im Dschungel gekämpft wird.

Kolumbien hat sowas wie einen Masterplan für den Frieden entwickelt: Es gibt Wahrheitskommissionen, die Verbrechen der Vergangenheit aufdecken sollen. Es gibt Umschulungsprogramme für Guerilla-Kämpfer – und es gibt die Bereitschaft des Staates, den Rebellen zu vergeben.

Eben dieses Zugeständnis drohte dem Präsidenten zum Verhängnis zu werden. In einer Volksabstimmung haben die Kolumbianer den Friedensvertrag abgelehnt – vor allem, weil ihnen die Strafen für die Rebellen zu milde erscheinen. Bekommt den Friedensnobelpreis am Ende also ein gescheiterter Politiker?

Auch hier lohnt ein Perspektivwechsel: Der Präsident ist offenbar weiter als weite Teile seines Volkes. Es mag sein, dass die Entscheidung des Nobelpreiskomitees schon vor der Volksabstimmung getroffen war, nun aber kommt der Preis zur rechten Zeit: Er stärkt einem Mann den Rücken, der auf den letzten Metern zum Frieden noch ins Straucheln geraten war. An einem Abschluss des Friedensprozesses führt jetzt kein Weg mehr vorbei.

OZ

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