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Rentenkrise: Tsunami in Zeitlupe

Die üppige Erhöhung verstellt den Blick aufs Dilemma der Vorsorge. Rentenkrise: Tsunami in Zeitlupe

Kann das Leben schöner sein? Die Sonne scheint, und alle sind fröhlich in diesem Frühling 2016 in Deutschland, auch die älteren Herrschaften.

Kann das Leben schöner sein? Die Sonne scheint, und alle sind fröhlich in diesem Frühling 2016 in Deutschland, auch die älteren Herrschaften. Zum 1. Juli steigen die Renten um 4,25 Prozent im Westen und um 5,95 Prozent im Osten. Die Republik gönnt sich die größte Rentenerhöhung seit mehr als 20 Jahren. „Eine gute Nachricht“ sei das, sagt Sozialministerin Andrea Nahles, die umlagefinanzierte Rente bewähre sich.

 

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Von Matthias Koch

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In Wahrheit droht Gefahr. Und diese Gefahr wird umso größer, je mehr junge Leute mit Blick auf die schönen Szenen dieses Sommers das Thema Altersversorgung vertagen nach dem Motto: In guten Jahren gibt es doch, wie das Beispiel zeigt, fünf bis sechs Prozent Rentenerhöhung — wo also ist das Problem?

Es wäre ein makabres Missverständnis. Um es zu vermeiden, muss man den Blick weiten. Wer nur auf Details starrt, verliert den Überblick — wie jene ahnungslosen Urlauber, die am 26. Dezember 2004 in Thailand mit der Kamera auf ihre fröhliche Familie am Strand zoomten. Aus der Entfernung, von Balkons oder Hügeln aus, sah man schon, dass sich die gesamte Wasserlinie am Horizont dunkel und drohend erhoben hatte.

In der Rentendebatte ist es jetzt Zeit für ein „zooming out“. Die Deutschen müssen das erschreckende Gesamtbild in den Blick nehmen. Schnell wird klar: Es geht um etwas sehr Großes, und mit dem einen oder anderen gut gemeinten Koalitionsbeschluss in Berlin wird sich da wenig ändern lassen. Zur Krise der öffentlichen addiert sich längst die Krise der privaten Vorsorgesysteme. Die neuartige Nullzinssituation lässt traditionelle Appelle zum Sparen für schlechte Zeiten ins Leere laufen, zudem zerkrümelt sie die Wohlstandserwartungen jener, die auf üppige Auszahlungen bei Lebensversicherung oder Betriebsrente gehofft hatten.

Die Rentenkrise nähert sich, das ist die einzige gute Nachricht, nur in Zeitlupe. Mit ihrer Wucht und Breite aber wird sie vieles verändern, in allen entwickelten Staaten der Erde. Vordenker in der EU und in den USA, die derzeit die Risiken zusammenrechnen, wurden bereits blass: Staaten, Betriebe und Versicherungen schieben gigantische Rentenzusagen vor sich her, von denen niemand seriös sagen kann, wie sie in Zukunft eingehalten werden sollen — laufend wächst die Zahl der Begünstigten, laufend schrumpft die Zahl der Zahlenden.

Ein neues Angstwort macht die Runde: „Global Retirement Crisis“, die globale Pensionskrise. Was der Kollaps von Lehman Brothers nicht geschafft hat, so warnen Denkfabriken, könne die Rentenkrise bewirken: den Zusammenbruch der modernen Finanzwelt. Die möglichen Gegenmaßnahmen sind allesamt hässlich. Kürzung von Staatsausgaben, Kürzung von Rentenansprüchen, Notfallfonds für Betriebsrenten.

Nichts davon verspricht Popularität und Wählerstimmen. Die Rentenkrise wird zum doppelten Belastungstest: für die Finanzsysteme und für die Demokratien.

OZ

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