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Umgehen mit dem täglichen Terror

Die moderne Gesellschaft lässt sich nicht so leicht überwältigen. Umgehen mit dem täglichen Terror

Gestern war wieder Terror auf allen Sendern. Man sah zuckende Blaulichter, Liveschaltungen, ernste Kommentare. Dazu die stündliche Aktualisierung der Opferzahl.

Gestern war wieder Terror auf allen Sendern. Man sah zuckende Blaulichter, Liveschaltungen, ernste Kommentare. Dazu die stündliche Aktualisierung der Opferzahl. Diesmal, in Istanbul, waren es anfangs „viele“ Tote, dann 28, dann mehr als 40. Es folgte der Auftritt der unvermeidlichen Terrorexperten mit ihren makabren Messlatten: „Istanbul ist größer als Brüssel.“ Doch Hand aufs Herz: Wie sehr bewegt uns das alles eigentlich noch im Innersten? Viele moderne Europäer stellen fest, wenn sie in sich hineinhören: Man stumpft ab. Paris, Brüssel, Istanbul: Der Terror in Europa verdichtet sich zu einem deprimierenden Ganzen. Zugleich scheint das Entsetzen über jeden einzelnen Anschlag irgendwie nachzulassen.

 

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Von Matthias Koch

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Die Gesellschaft beginnt zu lernen, mit dem Terror umzugehen. Anfangs, nach dem 11. September 2001, war die bange Frage: Was machen diese schrecklichen Nachrichten mit uns? Heute bleiben wir das Subjekt im Fragesatz: Was machen wir mit den schlechten Nachrichten?

Jeder hat da so seine Methode. Manche fangen an, die Anschläge einzuordnen in große politische Muster. Andere hören gezielt weg, wenn von Terror die Rede ist, und praktizieren psychische Hygiene. Wer das Geschehen intellektuell formatiert, den Überblick behält oder auch nur Distanz schafft, senkt die Gefahr, emotional überwältigt zu werden.

Die erstaunliche Widerstandskraft der modernen Gesellschaft, Fachleute sprechen von Resilienz, ist von den Terroristen zu allen Zeiten unterschätzt worden. Mit dem Einsturz des World Trade Centers hatten El-Kaida-Ideologen die Hoffnung verbunden, einen zerstörerischen Schlag gegen das westliche Handels- und Finanzsystem geführt zu haben. Daraus wurde nichts. Paris sollte durch Anschläge auf eine Zeitschrift, auf ein Stadion und auf ein Kulturzentrum in eine Metropole der Angst verwandelt werden. Doch anderntags saßen die Leute wieder draußen in den Cafés. In Istanbul ging der Flugbetrieb gestern weiter.

Der Philosoph Peter Sloterdijk schlug jüngst eine Nachrichtensperre vor. So lasse sich die faktische Komplizenschaft zwischen Terroristen und Massenmedien auflösen: Die Medien vollendeten ja erst den Terror, indem sie den Schrecken verbreiten. Ernst nehmen konnte man Sloterdijks freiheitswidriges Gedankenspiel nie. Heute ahnen wir: Hilfen dieser Art brauchen wir gar nicht. Eher müssen wir darauf achten, dass wir die Abstumpfung nicht übertreiben.

Was hilft, ist Solidarität. Es war gut, dass ganz Europa im Jahr 2015 sein Vereintsein mit Frankreich betont hat: „Nous sommes unis.“ Und es ist gut, wenn jetzt aufs Brandenburger Tor die Türkei-Flagge projiziert wird. Hier geht es nicht um Erdogan und die große Politik. Im Zusammenrücken der ganz normalen Menschen in Europa liegt das beste Mittel gegen die Schrecknisse dieser Zeit.

OZ

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