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V-Mann beschäftigte einen NSU-Mann — eine weitere Panne.

Betreutes Morden? V-Mann beschäftigte einen NSU-Mann — eine weitere Panne.

Von Thorsten Fuchs

Es ist die Sprache, die sie verrät. Manchem Polizisten jedenfalls rutschen immer noch die alten Begriffe raus. Ganz selbstverständlich sprechen sie von der Türken-Mafia, wenn es um die Taten des NSU geht. Dass die Mordserie der Neonazis auf das Konto von Kriminellen aus den Heimatländern der Opfer geht, das war lange Zeit eine Lieblingsidee deutscher Ermittler. Ein unfassbarer Irrtum, Resultat schlampiger Kriminalarbeit — und wohl auch Ausdruck ausländerfeindlichen Denkens. Von Selbstkritik jedoch halten viele bis heute wenig. Eigene Fehler eingestehen? Nicht doch.

Dabei hätten die Behörden dazu allen Grund. Es waren Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, unterstützt mutmaßlich von Beate Zschäpe, die von 2000 bis 2007 insgesamt zehn Menschen ermordeten. Sie sind die Täter. Immer deutlicher jedoch wird, wie nah Mitarbeiter des Verfassungsschutzes an dieser Mordserie dran waren. Genau in der Zeit, als das Töten begann, von 2000 bis 2002, riss Mundlos in Zwickau für die Baufirma eines V-Mannes des sächsischen Verfassungsschutzes Wände ein — das legen neue Recherchen nahe. Auf den Namen der Firma des V-Mannes Ralf Marschner wurden an den Mordtagen Mietwagen geliehen, die anschließend auffallend hohe Kilometerstände aufwiesen — die Taten fanden in Bayern statt. „Vom Verfassungsschutz betreute Morde“, so nennt der Opferanwalt Thomas Bliwier die Taten des NSU. Dafür gibt es nun einen Beleg mehr.

Es ist nur eine weitere schockierende Panne in einer Serie von Versäumnissen, Fehlern und falschen Prioritäten. Man braucht nur an Tino Brandt zu erinnern, jenen Thüringer Neonazi-Führer, der vom Verfassungsschutz Zehntausende Euro kassierte und zugleich dem NSU als Helfer diente. Oder daran, dass die Brandenburger Verfassungsschützer schon 1998 Hinweise auf das untergetauchte Trio Mundlos-Böhnhardt-Zschäpe hatten. Aber festnehmen lassen? Ach nein, lieber nicht. Dabei wäre ja vielleicht der eigene V-Mann aufgeflogen.

Wer V-Leute einsetzt, bewegt sich auf einem schmalen Grat. Er kann Dinge erfahren, an die die Ermittler sonst nie herankämen. Dieses Wissen ist jedoch sinnlos, wenn die Behörden es nicht nutzen, um Straftaten zu verhindern. Auch der Umgang mit dem V-Mann Marschner erinnert eher an fürsorgliche Förderung von Neonazis als an auch nur so etwas Ähnliches wie konsequente Kriminalitätsbekämpfung.

Alles das bietet dem neuen NSU-Untersuchungssausschuss reichlich Stoff. Es ist richtig, dass die Behörden eine Fürsorgepflicht gegenüber jenen Männern und Frauen haben, die sich für sie einst in Gefahr begeben haben. Im Fall der größten rechtsterroristischen Mordserie sind die Behörden jedoch gut beraten, ihre Akten zu öffnen. Opferschutz und Aufklärung sind in diesem Fall wichtiger als die Rücksicht auf einstige Neonazi-Kader.

OZ

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