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Wer Integration will, muss auch konkrete Chancen eröffnen

Guter Wille allein reicht nicht Wer Integration will, muss auch konkrete Chancen eröffnen

Von Jörg Kallmeyer

Ein Familienvater aus Syrien wollte in einer oberbayerischen Kleinstadt einen Imbiss eröffnen. Die Idee war gut, die Hürden aber schienen unüberwindbar. Welche Bank leiht einem Flüchtling schon das nötige Startkapital? Eine Bürgerin der Stadt sprang privat mit einem Kredit ein. Heute, zwei Jahre später, feiert man in Gars am Inn eine Erfolgsgeschichte: Der Imbiss läuft gut, das Geld ist zurückgezahlt — und die Flüchtlingsfamilie spricht Deutsch.

 

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Die kleine Geschichte aus Bayern verrät viel über das große Thema Integration, dem sich Deutschland jetzt stellt: Die Eingliederung in eine fremde Gesellschaft und Kultur gelingt nur mit viel gutem Willen. Auf beiden Seiten.

Die Bundesregierung pocht nun vor allem auf die Bereitschaft der Ankommenden, sich den Regeln und Gepflogenheiten in Deutschland anzupassen. Das ist politisch verständlich. Gut eine Million Flüchtlinge sind allein im vergangenen Jahr hier angekommen. Die eher diffuse Sorge vor einer Überforderung der Gesellschaft hat sich bei vielen Deutschen zur Angst ausgewachsen. Dieser tritt die Koalition mit einem Gesetzespaket entgegen, das die Förderung von Migranten bei der Integration mit konkreten Forderungen an die Zuwanderer verbindet: Der Besuch von Integrationskursen und das Erlernen der deutschen Sprache werden zur Pflicht.

Die Signale sind gesetzt. Niemand aber sollte so tun, als stehe man beim Thema Integration ganz am Anfang. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich einfache Lösungen nicht bewährt. Warum sollte das jetzt anders sein? Die nun geplante Zuweisung eines Wohnortes durch den Staat ist nicht nur unter juristischen Gesichtspunkten fragwürdig. Ja, man möchte und sollte Ghettos vermeiden. Aber in der langen Geschichte der Migration haben sich Flüchtlinge und Auswanderer in der ersten Zeit immer auch in ihren vertrauten Netzwerken geholfen. Im Einwanderungsland USA gehören „eigene“ Viertel von Italienern, Polen oder Chinesen zur Erfolgsgeschichte des Projekts Integration.

In Deutschland möchte man Flüchtlinge aus den Städten aufs zunehmend verwaiste Land schicken. Aber was sollen sie auf den Dörfern machen? Die jungen Deutschen wandern dort schließlich nicht nur deshalb ab, weil es in der Stadt schöner ist. Viele ländliche Regionen bieten den Jugendlichen nicht genug Perspektiven: Es mangelt an Arbeitsplätzen, es fehlen Bus- oder Bahnverbindungen, der Weg zum Gymnasium oder zur Hochschule ist weit.

Dass Flüchtlinge nun auf dem Land ihr Heil suchen sollen, könnte also ein fataler Irrweg sein. Die Erfahrungen mit der Integration zeigen: Der gute Wille allein reicht nicht aus. Es kommt auch darauf an, konkrete Chancen zu eröffnen. Integriert ist in der Regel derjenige, der bei uns Arbeit gefunden hat. Und da wird nicht immer der eigene Imbiss und der private Kredit die Lösung sein.

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