Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Wer rettet die Türkei?

Das Land ist Europa in einem rasanten Tempo entrückt. Wer rettet die Türkei?

Berlin und Ankara trennen 2600 Kilometer Luftlinie. Das ist keine Entfernung in der globalisierten Welt. Doch am Ende dieser Woche scheint jeder einzelne Kilometer doppelt oder dreifach zu zählen.

Berlin und Ankara trennen 2600 Kilometer Luftlinie. Das ist keine Entfernung in der globalisierten Welt. Doch am Ende dieser Woche scheint jeder einzelne Kilometer doppelt oder dreifach zu zählen.

 

OZ-Bild

Von Jörg Kallmeyer

Quelle:

Die Türkei hat sich in einem rasanten Tempo von Deutschland und ganz Europa entfernt. Ihr Staatschef wirft alle Errungenschaften moderner Demokratien über Bord, entlässt erst alle unliebsamen Beamten, lässt dann Journalisten verhaften und steckt schließlich die Chefs einer oppositionellen Partei ins Gefängnis. Man braucht nicht in die deutsche Geschichte zurückzublicken, damit einem angst und bange wird. Auf Kritik der Bundeskanzlerin reagiert Recep Tayyip Erdogan mit seiner ganz eigenen Sicht der Dinge: Deutschland sei ein „sicherer Hafen“ für Terroristen. Zynischer geht es nicht mehr für einen Mann, dem jahrelange Duldung von Aktivitäten der Terrormiliz IS in seinem Land nachgewiesen wurde.

Die Türkei ist Europa im wahrsten Sinne des Wortes entrückt. An dieser Einsicht gibt es keine Zweifel mehr. Die Frage lautet nun: Ist die Türkei noch zu retten? Die Mehrheit in dem Land wird schon die Frage gar nicht verstehen. Die meisten Türken folgen Erdogan bei der Umsetzung seines Masterplans für einen neuen Staat nach seinen eigenen Gesetzen.

Wer damit konstruktiv umgehen will, muss sich eingestehen: Ja, Europa ist beleidigt darüber, was gerade am Bosporus geschieht. Ja, es ist eine große Enttäuschung, dass die westliche Demokratie mit all ihren freiheitlichen Errungenschaften so wenig Reiz auf ein Land ausübt, das schon einmal nah an Europa herangerückt war. Aber die Türkei ist nicht allein. Die Demokratie ist weltweit auf dem Rückzug, autokratische Führer haben Konjunktur.

Was hat Europa als Antwort zu bieten? Vor allem aus Sicht junger Türken war es lange Zeit zu wenig. Es wurden Beitrittsgespräche geführt, Ankara hat wirtschaftlich davon profitiert. Bei vielen Türken aber blieb der Eindruck: Europa redet nur über einen Beitritt der Türkei, will ihn in Wahrheit aber nicht. Die Enttäuschung über Brüssel kann keine Entschuldigung dafür sein, eine Diktatur zu errichten. Das Problem ist nur: Wenn Politiker aus der Türkei und der EU miteinander reden, dann herrscht auf beiden Seiten des Tisches Frustration und Kränkung.

Wer die Türkei retten will, muss sich von solchen Gefühlslagen befreien. Die Politik im Westen braucht den nüchternen Blick. Sie muss zum einen klare Grenzen ziehen und die Entwicklung in Ankara in aller Deutlichkeit brandmarken. Sie muss zum anderen Brücken zu den Menschen bauen und ehrlicher agieren. Man kann nicht über Wirtschaftssanktionen fabulieren und zugleich Milliarden nach Ankara überweisen, damit die Türkei für uns das Flüchtlingsproblem löst. Mit solchen politischen Spagaten macht man Erdogan das Leben leicht.

OZ

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel

Patrick Dahlemann (SPD) soll sich als Parlamentarischer Staatssekretär den Problemen Vorpommerns widmen

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Kommentar
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Umfrage, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Umfragen" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Umfragen“ 2015-09-23 de MEINUNG Aktuelle Umfrage Ihre Meinung zählt: Geben Sie ein Votum ab zu aktuellen Themen aus Politik, Wirt- schaft und anderen Gebieten. Alle Umfragen auf einen Blick finden Sie hier.