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500 Menschen für Arndt!

Arndt-Debatte 500 Menschen für Arndt!

Sven Kranow aus Greifswald

Greifswald. Wow, kann ich nur sagen. Ich war gestern bei der Menschenkette, um mal zu schauen. Und ich war erstaunt! Ich hätte es in einer, so dachte ich, aufgeklärten Stadt wie Greifswald nicht für möglich gehalten, dass über 500 Menschen für Arndt auf die Straße gehen. Immerhin gilt er als einer der Vordenker des modernen Antisemitismus. Arndt hat nämlich, anders als der so oft zum Vergleich hinzugezogene Luther, ja seinen Antisemitismus als einer der ersten biologistisch begründet und nicht nur rein religiös.

Und genau dafür wurde er ja von Göring geehrt, als "Vordenker des NS". Und da muss man Göring zustimmen, das ist er gewesen. Freilich konnte er das damals nicht wissen, aber Arndt hat doch schon früh eine Basis für das gelegt, was später dann als größtes Verbrechen in die Geschichte der Menschheit eingegangen ist.

Über 500 Menschen also für einen nicht unrelevanten Ideengeber des Nationalsozialismus, bzw. zumindest für den rassistisch begründeten Antisemitismus als elementarer Bestandteil des NS-Ideologie.

Da kann einem schon Angst und Bang werden. Seltsam mutet mir dabei an, dass viele dieser Menschen (nehmen wir mal die gestern auch nicht zu knapp anwesenden und den Altersschnitt senkenden Vertreter der rechten Burschenschaften und Neonazis beiseite) ja in der DDR eine antifaschistische Bildung erfahren haben. Ist den die Schwur von Buchenwald vergessen? Die Wurzeln des Faschismus zu bekämpfen?

Grade in der heutigen Zeit, wo der Rechtspopulismus, die Demokratiefeindlichkeit und die Unterdrückung von Minderheiten von Warschau bis Moskau über Ankara bis nach Damaskus, Rakka, Teheran und neuerdings auch Washington reicht, wäre doch eine Besinnung auf den Humanismus, den Liberalismus und auf die Demokratie notwendig. Aber nein. Greifswalder Wutbürger und Wutbürgerinnen empören sich ob der Ablegung des Namens eines Nationalisten, eines Antisemiten, eines Reaktionären, eines Gestrigen. Einer historischen Person, die nicht nur aus heutiger Sicht fragwürdig ist, sondern es auch 1933 bereits gewesen ist.

Ein letzter Satz: Ich bin Greifswalder und Pommer. Und ich möchte nicht mehr, dass auch in meinem Namen dieser Hass auf alles Fremde geschürt wird, was nicht von Bluts her von hier kommt. Das ist unserer Stadt unwürdig, denn das ist zutiefst provinziell.

Sven Kranow

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Greifswald
Dieses Foto mit Eisstrukturen am Kooser See – aufgenommen im Januar 2017 – schickte uns OZ-Leser Wolfgang Schielke. Eingefügt hat er ein Gedicht von Ernst Moritz Arndt (1769-1860). „Von mir ein stiller Gruß an den verehrten Namenspatron meiner früheren Universität“, schreibt Schielke, der von 1974 bis 1979 an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald studiert hat.

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