Volltextsuche über das Angebot:

13 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Das Gedächtnis ist nicht linear und wechselt die Orte

Aus dem Gedächtnis verbannen Das Gedächtnis ist nicht linear und wechselt die Orte

Arne Schoor aus Rostock

Rostock. Die Kritik der Umbenennung an der Greifswalder Universität ist mit einigen Perspektiven gut nachvollziehnbar, mit anderen Perspektive ist sie ein klassisches Beispiel der Namenswechsel durch die Geschichte. Mit dem Eisen hat es Gott vielerlei gut gemeint. Im Norden waren Völker zum Teil auf einen Meteoriten angewiesen, um Messer für das Zerlegen der Nahrung herzustellen. Man transportierte den Meteoriten schuldbewusst aus dem Museum zurück an seinen wohl vorgesehenen Platz. Die Universität Rostock verabschiedete sich früher von einem Namen, vielleicht, um dann auch früher wieder einen anderen Namen zu bekommen. Die vielfach kritisierte Benennung von Kasernen kann man heute auch sehr differenziert sehen, denn es geht offenbar im Ganzen um eine Kultur des Nicht-Vergessens. Auch in Rostock hat man nach 27 Jahren den Namen Wilhelm Pieck natürlich nicht vergessen. So wenig wie die Rentnerin heute hier in der Südstadt vergessen hat, an der ABF die Möglichkeit bekommen zu haben, um das Abitur in unwirtlichen Zeiten irgendwie neuartig zu bestehen. Das Studium der Tierproduktion war offenbar nichts für sie, aber vergessen hat sie auch die kurze Zeit des Studiums nicht. Die Marseillaise ist auch Erinnerung, aber danach kam schon in weiten Teilen Deutschlands gut in Erinnerung eine Frau, die vereinfacht formulierte, dass die Freiheit die Freiheit des anders Denkenden ist. Das ist exakt 100 Jahre her. Und wenn wir die moderne Systemtheorie betrachten, könnte es irgendwann auch heißen, das die Freiheit die Freiheit des anders Wünschenden sein könnte. Dafür dürfen wir wohl nichts vergessen. Wir vergessen auch im Gesamtsystem global nicht. Selbst nach 2000 finden wir doch noch einen Pharao im unberührten Grab. Wer hätte das noch gedacht? Offenbar erinnern wir an verschiedenen Orten in unterschiedlichen Rhythmen. So wird insgesamt nicht vergessen. Leider können wir Arndt nicht mehr direkt befragen, aber er sähe vielleicht auch, dass irgendwann in Greifswald einmal neu erinnert werden muss. Die neue Bedeutung dieser Universität, welche sich weltweit in den letzten 27 Jahren bereits auch im übertragenen Sinne einen neuen Namen gemacht hat, wird irgendwann ihr Recht einfordern. Souverän bleiben die lebenden Menschen einer Universität in ihrer Zeit. Wer wollte ihnen dieses Recht absprechen? An anderen Orten sind lange Traditionslinien über weit längere Zeitskalen zu bewahren. Man käme heute noch gar nicht auf die Idee, die Namen zu ändern. Das macht Sinn, wenn an anderen Orten auch neu erinnert werden kann, wie hier in Rostock für Deutsche und Franzosen, die 1970 und 1971 für immer in der Stadt geblieben sind. Vielleicht nur, um uns jetzt wieder zu erinnern, so wie hier auf dem Neuen Freidhof und anderen Orten der Stadt Tote aller Länder gemeinsam den I. und II. Weltkrieg nicht vergessen lassen.

Arne Schoor

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Wismar

Die Ausstellung „Körper – Die Lehre der Toten“ ist von heute bis Sonntag in der Markthalle am Alten Hafen in Wismar zu sehen. Der Veranstalter möchte anatomisches Wissen vermitteln.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Leserbriefe
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Umfrage, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Umfragen" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Umfragen“ 2015-09-23 de MEINUNG Aktuelle Umfrage Ihre Meinung zählt: Geben Sie ein Votum ab zu aktuellen Themen aus Politik, Wirt- schaft und anderen Gebieten. Alle Umfragen auf einen Blick finden Sie hier.