Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Ein Kind in unserer Gesellschaft sein

Demonstrationen Ein Kind in unserer Gesellschaft sein

Marie-Luise Czaja aus Rostock

Rostock. Um den T-Rex Tristan im Berliner Naturkundemuseum zu besuchen machten wir, mein Mann, unser Sohn und ich, uns vor einigen Wochen auf nach Berlin. In der Invalidenstraße angekommen hörten wir laute Geräusche. Von Sirenen voraus begleitet kündigte sich eine Gruppe von hunderten mit Trillerpfeifen, Instrumenten und Küchenutensilien ausgestatteten Demonstranten an. Wie hypnotisiert blieben wir stehen. Mein zu der Zeit 4jähriger Sohn fragte mich, was hier los sei, ob etwas Schlimmes passiere.

Ich verneinte Letzteres, war aber nicht imstande, ihm die erste Frage tatsächlich zu beantworten, da ich noch nicht begriff, wer da seine Meinung laut kundtun wollte. Den Plakaten, die endlich in unsere Nähe wanderten, zufolge, handelte es sich um die Demonstration „Laut gegen Nazis“, sodass ich mich sammeln und zur Beantwortung ansetzen konnte. „Das sind Menschen, die ihre Meinung sagen wollen“ teilte ich ihm mit. Sein fragender Blick deutete an, dass ich aus dieser Nummer noch nicht heraus gekommen war. „Diese Menschen wollen laut sagen, dass es egal ist, wie man aussieht, wo man herkommt, woran man glaubt oder wen man liebt. Sie möchten, dass alle Menschen gleich behandelt werden“

Er starrte zu den Leuten, die mit Kindern im Arm, im Rollstuhl, mit Plakaten oder auf Töpfe schlagend aggressiv für Gleichheit aufschrien. „Sind sie wütend?“ „Ja“, sagte ich. „Sie wollen gehört werden. In Deutschland läuft gerade einiges schief. Du darfst aber auf die Straße gehen, wenn du unzufrieden bist“ In diesem Moment erschrak ich, weil meine eigenen Worte so unecht, so aufgesagt klangen. Ich konnte selbst nicht glauben, dass mein Sohn so früh erfahren muss, dass es womöglich guten Grund zum Aufschrei gegen Ungerechtigkeit gibt. Gleichzeitig war ich stolz, dass er in diesem Moment vielleicht sein erstes Demokratieverständnis erlangt hatte. Ich habe in seinem Gesicht gesehen, wie es in ihm arbeitete.

Bis heute weiß ich nicht, ob meine Worte die richtigen waren, um dieser großen Thematik (kind)gerecht zu werden. Ich frage mich auch, wie er den Tag im Rückblick einordnet und bewertet. Derzeit spricht er viel über die Skelette der Dinosaurier im Museum. Das Thema „Demokratie“ ruht vorerst.

Marie-Luise Czaja

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Hintergrund
Eine Anhängerin des „Ja“-Lagers in Ankara.

Eine knappe Mehrheit der Türken hat in dem Referendum am Sonntag für die Einführung eines Präsidialsystems gestimmt. Kritiker warnen vor allem vor der Gefahr einer Ein-Mann-Herrschaft.

mehr
Mehr aus Leserbriefe
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Umfrage, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Umfragen" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Umfragen“ 2015-09-23 de MEINUNG Aktuelle Umfrage Ihre Meinung zählt: Geben Sie ein Votum ab zu aktuellen Themen aus Politik, Wirt- schaft und anderen Gebieten. Alle Umfragen auf einen Blick finden Sie hier.