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Ist die Uni Rostock würdig?

Ehrendoktor für Edward Snowden Ist die Uni Rostock würdig?

Andreas Strauß aus Sagerheide

Sagerheide. Ist die Uni Rostock würdig, Herrn Snowden einen Ehrendoktor zu verleihen?

Auf der gestrigen Podiumsdiskussion gab es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, breite Übereinstimmung darüber, dass Herr Snowden sehr mutig und aufklärerisch gehandelt hat und auch einen Ehrendoktor verdient, selbst wenn er kein Wissenschaftler ist. Das sehe auch ich so, trotzdem hatte ich eine Frage: Ist die Uni Rostock würdig, Herrn Snowden einen Ehrendoktor zu verleihen? Ich war doch verwundert, das Begriffe wie "Zivilcourage","Transparenz" ja sogar "ziviler Ungehorsam" an dieser Uni positiv bewertet wurden. Dazu kurz drei Beispiele.

Vor einem knappen Jahr (OZ berichtete ausführlich in der Titelstory am 30.3.2013 und auf Seite 6 am 4.4.2013) wurde auch in MV der Abhörskandal publik, bei dem die Gentechnikaktivisten und Journalisten Jörg Bergstedt und Benjamin Volz über Monate vom LKA Sachsen-Anhalt abgehört wurden. Hierbei wurden eine Landtagsabgeordnete in Hessen, fünf Anwälte, zehn Journalisten, der BUND MV, Gentechnikkritiker in MV, ja sogar die Staatsanwaltschaft Rostock gleich mitabgehört. Die Landtage in Hessen, Sachsen-Anhalt und MV diskutierten über diesen Skandal, wie ihn Politiker aller Parteien benannten. Erwartungsgemäß kam bei dieser Spitzelattacke nichts heraus, es gab ja, außer den Tips aus der Gentechniklobby, keinerlei Indizien. Die Initiatoren dieser Bespitzelung waren RA Dr. Rehberger für biovativ-biotechfarm, RA Dr. Stiebler für Monsanto Deutschland und die Rechtsabteilung der Uni Rostock für die GVO-Forscher derselben. Sie wollten gerne wissen, worüber sich Gentechnikkritiker am Telefon so unterhalten und haben deshalb Akteneinsicht beantragt.

Was die Uni Rostock unter "Transparenz" versteht, bewies sie, als Gentechnikkritiker Einsicht in die Akten des Biosicherheitsprogramms forderten, was ihnen laut Umweltinformationsgesetz zustand. Die Uni Rostock verhinderte solange die Einsicht, bis sie vor kurzem per Gerichtsbeschluß dazu gezwungen wurde, die Akten freizugeben.

Der dritte Punkt betrifft Zivilcourage. Vielen ist noch das unwürdige Verhalten der Uni Rostock in Erinnerung, als 2009 der alternative Nobelpreisträger Percy Schmeiszer einen Vortrag an der Uni halten wollte. Erst wurde er eingeladen, dann ausgeladen, zum Schluss bekam er den viel zu kleinen WISO-Hörsaal, die Studenten versuchten in den Gängen noch etwas zu hören. Von der weltoffenen und toleranten Hamburger Uni erhielt er natürlich sofort den größten und repräsentativsten Hörsaal der Stadt! Jörg Bergstedt durfte bis heute in Uniräumen keinen Vortrag halten. 2012 wurde ihm zum zweiten Mal ein Vortrag in der Uni verboten, er musste ins Heinrich-Böll-Haus ausweichen. Im gleichen Jahr erhielt er den Preis für Zivilcourage der Solbach-Freise-Stiftung. Also, Leute mit Zivilcourage haben es an der Rostocker Uni sehr schwer, zu Wort zu kommen.

Da ich das Glück hatte, als einer der etwa 1000 Zuschauer das Mikrofon zu erhalten, sprach ich diese drei Punkte kurz an und fragte die Rostocker ProfessorInnen, wie sie sich das in Zukunft denken, ob solche Dinge dann nicht mehr vorkommen. Frau Prof. Gesa Mackenthun antwortete sinngemäß, daß dies ja nicht in ihrer Fakultät stattfinde und zum Teil auch schon längere Zeit zurückliege. Der Ehrendoktor werde ja nicht von der Uni Rostock, sondern von der philosophischen Fakultät verliehen und man will ja Diskussionen über die Themen anstoßen.

Diese Antwort reicht mir nicht aus. Wenn man durch einen Ehrendoktor in der großen Weltpolitik mitspielen möchte (sogar "Stimme Russlands" brachte die Nachricht über den Ehrendoktorvorschlag), sollte man über den Tellerrand seiner Fakultät schon hinausschauen. Studenten und Wissenschaftler sollten sich in Zukunft dafür einsetzen, daß solche Provinzpossen und Peinlichkeiten nicht mehr den Ruf der Uni Rostock schädigen. Aber auch dazu gehört - eine winzig kleine Portion - "Zivilcourage". Nachdem ich meine Frage gestellt hatte, bekam ich durch einen Teil der Studenten klopfende Zustimmung. Nach der Diskussion kamen fremde Menschen auf mich zu und bedankten sich für meine Frage. Ein emiritierter Professor sagte mir, dass die Fragestellung seine Berechtigung hat. Den Termin der Podiumsdiskussion erfuhr ich nur, weil Studenten und Wissenschaftler, die meinen offenen Brief gelesen hatten, ihn mir mailten. Es gibt also noch Hoffnung.

 



Andreas Strauß

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