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Joachim Behl

Bad Kleinen Joachim Behl

Joachim Behl aus Bad Kleinen

Bad Kleinen. Sehr geehrte Damen und Herren! Es drängt mich seit Langem, über den "Prozess gegen den SS-Sanitäter" am Landgericht Neubrandenburg zu schreiben. Ich bin seit über 20 Jahren Rechsanwalt in Bad Kleinen und hoffe, dass konträre Ansichten in der OZ auch veröffentlicht werden.

Ich kenne keine Bekannten und Verwandten, die diesen Prozess begrüßen würden. Und das liegt nicht daran, dass ich es für unnötig halte, deutsche Vergangenheit aufzuarbeiten. Es liegt einfach daran, dass ich es für völlig verfehlt halte, einzelnen Menschen die Schuld an diese Vergangenheit anzulasten.

Wir haben ein Problem auch im deutschen Strafrecht: Ausschlaggebend bei einer Täterüberführung bzw. Aburteilung eines Menschen ist heute noch, mit welchem Wissen und Wollen ein Mensch seine Tat verübt hat. Völlig unterbelichtet bleibt, wie ein Mensch zu seinem Bewusstsein gelangt ist, das ihn zum Täter werden ließ. Obwohl sich heute in der Psychologie und Neurobiologie die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass es keine sogenannte "freie Willensbildung" des Menschen gibt, bleibt diese Erkenntnis ohne praktische Umsetzung im alltäglichen Leben.

Es überwiegt immer noch die Überzeugung, dass der Mensch sein Bewusstsein selber schafft. Entscheidend für die Bewusstseinsbildung ist aber zum einen die Veranlagung, die der Mensch von seinen Vorfahren erbt, und die unmittelbare Umwelt, die das Bewusstsein des Menschen ab seiner Geburt (eigtl. schon im Mutterleib) prägt. So erbt der Mensch zu 100 Prozent seine Temeramente, die seinen Charakter, seine Fähigkeiten und seine Wissensaufnahme mit bestimmen. Moralische Werte werden von der sozialen Umgebung des Menschen geprägt.

Jeder sollte mal selber versuchen herauszufinden, wie er zu dem Menschen geworden ist, der er heute ist. Der "SS-Sanitäter" war 13 Jahre alt, als Hitler im nationalsozialistischen Trubel der Deutschen an die Macht kam. Und er war Anfang 20, als Deutschland den 2. Weltkrieg eröffnete und die Judenfrage auf brutalste Art und Weise zu lösen begann. Allein am 3. November 1944 wurden 43.000 Häftlinge in den auf polnischem Gebiet liegenden deutschen KZ "vernichtet".

Wer und was hat die Menschen, im konkreten Fall den Jugendlichen, fanatisiert, die zu solchen Abscheulichkeiten in der Lage waren. Meine Mutter stammt aus Ostpreußen, in dem 1933 67 Prozent der Wähler die NSDAP und die Deutschnationalisten an die Macht wählten. Die Judenverfolgung wurde 1941 von den meisten evangelischen Landeskirchen Deutschlands begrüßt, die sich dabei sogar auf Martin Luther beriefen, der für seinen Juden- und "Zigeuner"-Hass bekannt war.

Ich empfinde es falschen Weg, die Zeit des sogenannten Dritten Reiches über die Strafverfolgung einzelner Menschen aufzuarbeiten,während nationale Verantwortung als "Opferlegende" abgearbeitet wird. Ich weiß, dass Juristen bei ihrem Studium und Examen sogar heute noch nicht an Psychologie und Neurobiologie herangeführt werden, soweit sie sich selber nicht dafür interessieren. Das ist aber wichtig, da sie später über Menschen urteilen, für die sie nun einmal Verständnis und nicht Unverständnis entwickeln sollen.

Joachim Behl

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