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Lebensraumgestaltung statt Raumordnung

Naturschützer empört: Jeder zweite Baum am Wall soll fallen Lebensraumgestaltung statt Raumordnung

Buenos Aires ist weit enger bebaut als Rostock. Die Bürgersteige sind relativ schmal.

Rostock. Buenos Aires ist weit enger bebaut als Rostock. Die Bürgersteige sind relativ schmal. Die Baumdichte auf Straßen liegt trotzdem etwa 30fach höher als in Rostock, auch wenn Probleme (Hebung von Gehwegplatten u.ä.) ständig irgendwo an der Tagesordnung sind. Trotz der Enge werden sogar Neubauten von Architekten manchmal so umgeformt, dass alte Bäume ihren Platz behalten dürfen.

Was hier vielfach selbstverständlich ist, muss offenbar in Rostock zurückgewonnen werden. Städteplaner haben offenbar eine falsche Berufsbezeichnung, sie sollten Lebensplaner heißen. Es geht um Leben in einer Stadt, um Bindung, um Identität. Die psychische Komponente LEBENDiger Elemente in einer Stadt wird immer mehr ausgeblendet, ganz abgesehen von der unmittelbaren Förderung unserer Immunantwort durch chemische Interaktion gerade mit Bäumen... Auch alte Mauern, Häuser, Treppen... haben ein wichtiges Bindungspotential.

Ist die Fernwärmeleitung vor dem technischen Zerfall, lohnt natürlich ein Nachdenken über neue Lösungen. Das "Verschwindenlassen" einer Fernwärmeleitung geht aber natürlich auch mit völlig anderen Mitteln als der Versenkung...

Es geht um Prioritäten, und wir setzen in Rostock seit Jahren baulich immer wieder Prioritäten gegen natürliche Strukturen in unserer Stadt, als wäre hier die Welt "verkehrt herum" im Denken und Wahrnehmen. Bei Hitze meiden viele Rostocker die kochende Innenstadt jetzt schon. Hat man im Sommer die Hitze- und Lärmhölle am Vögenteich überlebt, bietet nur der Wallgraben wirklich klimatische Erholung, denn Hausschatten ist mangels Verdunstungskälte wirklich nur ein schlechter Ersatz, und vom Staubschutzgürtel für die Innenstadt wollen wir gar nicht reden. Die Attraktion eines erkenntlichen Verteidigungswalles erscheint hier wirklich eher nachrangig.

Es geht nicht nur um Hunderte Jahre Holz, sondern auch um Erinnerung von Generationen, die zum Teil in einer Stadt tausendfach an einem alten Baum hängen. Wir schneiden hier also eben nicht nur Holz, sondern auch LEBENdige Erinnerung herunter. Die Buche im eigenen Garten fällt auch keiner unbedacht, wenn sie 40 Jahre Familiengeschichte begleitet hat.

In der Stadt denken Planer zu oft, diese Bäume hätten keine entsprechende Bedeutung. Sie irren. Unsere Prioritätensetzungen zeugen hier eindeutig von entfremdeten Arbeitsperspektiven. Das muss man natürlich auch den Bildungseinrichtungen vorwerfen, welche heute wohl immer noch eher Raumordner als "Moderatoren für städtische Lebensraumgestaltung" ausbilden... Auch hier geht es eben zu großen Teilen um emotionale Intelligenz. Sie muss schon am Beginn der Planungen einsetzen. Leider kann sie nicht durch eine Software ersetzt werden. Dafür sind Menschen im Planungsprozess angestellt... Es geht um das sich in (andere) Menschen Hineinversetzen. Dafür ist Empathie und hoch komplexes Systemverständnis eine maßgebliche Voraussetzung, die dann auch bei der Kommunikation des ggf. unabänderlichen Fällens einiger Bäume alle Wege ebnen können.

Hier ist also doch MENSCH als Planer gefragt, und die immer wieder kehrenden Auseinandersetzungen der letzten 20 Jahre deuten wohl darauf hin, dass ihm bei entsprechenden Projekten auf allen Seiten zu spät sein Recht eingeräumt wird. Hier geht es nicht um Vorschriften, sondern um unsere Kultur des (gemeinsamen) Denkens bzw. ihrer Abstinenz.

 



Arne Schoor

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