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Die Probleme liegen auf zwei Seiten

Professor: Arndt ist unbedeutender, historisch begabter Propagandist Die Probleme liegen auf zwei Seiten

Arne Schoor aus Rostock

Rostock. Das Phänomen des Streits um den Namen Arndt liegt tiefer. Wir hatten die Diskussion hier schon, aber man kann deutlicher werden, da das Phänomen der globalen Regression (Kindheitserinnerung) nun auch im Überbau systemisch thematisiert ist. Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit. Suhrkamp Verlag. Der Inhalt ist mir unbekannt, aber mit etwas menschlicher Kommunikation...

Wir erinnern individuell, und offenbar weit über die paar Minuten hinaus, die Tagesstress und Medienüberkonsum heute noch gerade so zulassen. Es sind wohl unbewusste Erinnerungen. Wut ist in der Regel unbewusster Erinnerung oder lang anhaltender (emotionaler) Verletzung geschuldet. Dass transgenerativ uralte Erinnerungen (Täter oder Opfer) mitspielen ist wahrscheinlich, wird aber kaum erforscht. Psychologen in der Feldpraxis sollten aber da einiges beisteuern können. Unsere von uns selbst oft abgetrennten Theoriesysteme greifen offenbar nur bedingt. Ein fundamentaler Schlussstein der Psychologie fehlt, wenn nicht doch Maslow Recht hatte, und wir in der großen Mehrheit der Moderne uns tief selbst verletztend gelebt haben und leben.

Das Drama besteht darin, dass wir wohl nicht zufällig weltweit nach Kriegen und Vertreibung keine Vorstellung mehr haben, wer wir sind und was uns in familiären Linien passiert ist. Zyklisch brechen die verdrängten Zäsuren offenbar zumindest unbewusst "nach oben". Darüber haben wir weder an Schulen noch in Universitäten etwas gelernt und sind "mit uns selbst" komplett überfordert. Nur der Affekt ist offenkundig tief verankert. Seine Ursachen sind uns aber kaum bewusst. Leider erscheint es so, dass sogar gegensätzliche Erfahrung zur gleichen Phänomenologie führen könnten.

Wer sinnbildlich mit Arndt noch eine uralte Rechnung offen hat, könnte genauso gegen die Namensänderung antreten wie der, dessen Vorfahren im Arndt-schen Sinne seiner Zeit gewaltsam unter die Erde kamen.

Wer hat endlich an der Uni die Langzeitbiographie von Arndt recherchiert?

Unsere Wut ist sicher oft Blitzableiter ganz anderer Probleme, aber kann auch einen transgenerativ völlig logischen (emotionalen) Zusammenhang haben. Am Ende geht es um Entschuld(ig)ungen. Zeit ist für Menschen relativ. Langsam sollten wir es lernen. Das Problem heißt nicht Arndt, sondern (sich selbst fremder) Mensch. Und es geht heute ggf. um weit mehr als 150 Jahre. Das relativiert Antisemtitismus im Heute nicht, auch wenn ein Berg von Verdrängung in den Kindern der Kriegsgeneration genau den 2. Weltkrieg betrifft. Weltweit, wie die Regression.

Wir werden gemeinsam auf alle Friedhöfe der Weltkriege müssen, meinen nach Hörensagen einige Philosophen Europas. Dem kann ich nur zustimmen. Seine eigene Biographie (300 Jahre) als Affektquelle im Fall Arndt zu befragen, wäre für alle wohl evtl. hilfreich, die ihre Wut nicht bändigen können oder einer Zeitvorstellung unterliegen, die in Wirklichkeit nur für Maschinen gilt.

Arne Schoor

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