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Allgemeinverfügung, Straßenmusik und vermeintliche Problemlösungen im Zeitstress

Künstler protestieren gegen Straßenmusik-Verbot Allgemeinverfügung, Straßenmusik und vermeintliche Problemlösungen im Zeitstress

Arne Schoor aus Rostock

Rostock. Einen Tag nach der Datierung der einseitig bzw. wenig bedachten Allgemeinverfügung (26.10.16) zur Straßenmusik war zur Rostock Lecture Prof. Eckart Altenmüller, ein im Kontext Musik weltweit führender Neurophysiologe bzw. Neuropsychologe, in der Aula der Universität zu Gast. Die Gleichzeitigkeit mag man sarkastisch interpretieren, aber Sarkasmus ist der Humor der Verklemmten. Verklemmung und Angst vertragen sich nicht mit Musik. Musik war seit Jahrtausenden Gegenmittel und ist es noch. Derzeit dominiert jedoch der Kopfhöhrerkonsum. Im sozialen Kontext wäre das die Nahrungsergänzungspille als Notbehelf für ein gutes Essen mit Freunden. Manchmal hilfreich, langfristig aber Ausblendung der wirklichen Ursachen eines Ernährungsproblems. Wollte man unzulässig das facettenreiche Gebiet der Musikforschung quer durch Natur- und Geisteswissenschaften und Praxiserfahrung in einem Satz zusammenfassen, könnte er lauten: Ohne Musik wären wir niemals Mensch geworden und ohne Musik werden wir auch keine Menschen mehr sein. Schon nach dem 2. Weltkrieg bemerkten Musiker eine dramatische Entfremdung von der praktizierten Musik in Deutschlands Lebensalltag. Wir erahnen heute erst, dass gravierende Traumata historischen Ausmaßes, aber auch vermeintlich unscheinbare traumatische Erfahrungen in der Biographie, Musikalität und alle ihren positiven Wirkungen in der Persönlichkeitsentwicklung behindern bzw. verhindern. Wir reagieren in verschiedenen Ausmaßen mit Vermeidung oder mit Selbstbetrug a la „Ich bin unmusikalisch.“ oder „Musik gibt mir nichts.“ Weit vor der modernen Forschung stellten Musiker fest, dass es unmusikalische Menschen eigentlich nicht gibt. Tradierte Risse in der Familiengeschichte übertragen eher Musikhemmung auf Kinder, welche ohne ernsthafte Erkrankungen wohl grundmusikalisch (lallend, schaukelnd, tanzend) auf die Welt kommen. Textsprache in unserem dominierenden Verständnis kommt meist später. Im übertragenen Sinne - wer bei fremdsprachigen Kannibalen schon gefesselt im Topf sitzt, hat vielleicht nur noch eine Chance zu überleben: Singen. Musik ist die älteste Universalsprache aller Menschen. Ob anthropologisch, philosophisch, theologisch oder sonst wie -isch oder einfach nur menschlich gesehen, sie ist bis heute ein Beweis gemeinsamen Ursprungs und hinterfragt unsere heute allgegenwärtige Kommunikationsunfähigkeit bzw. unser unkooperatives Denken nachhaltig. Ich gehe davon aus, dass die Allgemeinverfügung ein Unfall ist, wie wir ihn seit Jahrzehnten überall finden. Gut gedachte Hilfe zur Lösung eines Teilproblems bekommt eine Eigendynamik, wird mit selektiv gefilterten Negativerfahrungen unter Ausblendung der Positiverfahrungen angereichert und der Zeitmangel löscht die komplexere Wahrnehmung, selbst im eigenen Interesse. Ein guter Teil Projektion von anderen Problemen (Mietsteigerung, Konkurrenzverschärfung, stresserzeugende Licht- und Kontrolltechnik in den Läden etc.) kommt dann oft noch mit dazu. Wir kennen es von lang anhaltendem Baulärm. Er wird rational als unvermeidlich gefiltert, aber die psychische Belastung bleibt, wenn keine (z.B. musikalische) Gegenstrategien ergriffen werden. Wir nörgeln an den Nachbarn oder gar an den eigenen Kindern herum, beschimpfen die Amsel vor dem Fenster. Dass der Baulärm ursächlich ist, wird völlig verdrängt. Oft wird also das Problem nicht gelöst, viele weitere Probleme werden erst geschaffen. Wir kennen es auch von den katastrophalen Wirkungen vermeintlicher Entwicklungshilfe. Wir projizierten unsere eingeschränkte Perspektive und haben oft mehr Schaden als Nutzen angerichtet. Partei, Interessenverband, Verwaltungsabteilungen etc. sind vor solchen Fehlläufen nicht geschützt, wenn die Kommunikationshemmung aus der Eigenwelt hinaus nicht beseitigt wird. Das Klischee Straßenmusiker ist obsolet. Da stehen zum Glück nur Menschen, ob Lebenskünstler, Student, Studienrat, Obdachloser, Kassiererin, Offizier oder Professorin, bleibt meist unsichtbar, da die Kleiderordnung die Klischees auch nicht mehr erfüllt. Im Kontext „stressreduzierte und attraktive city“ könnte alles auf den gemeinsamen Tisch, wenn die Allgemeinverfügung erst einmal wieder vom Tisch ist. Sonst springen alle wieder nur in ihre Gräben und Burgen, zum Schaden für alle. Wie vielen Menschen der Zigtausende Stunden andauernde Theaterstreit gute Lebenszeit oder gar das Leben gekostet hat, blenden wir nämlich kollektiv als Kontrahenten in unbewusster Eintracht aus. Menschsein KLINGT irgendwie anders.

Arne Schoor

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