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Noch viel zu tun fürs Urlaubsland

Rostock Noch viel zu tun fürs Urlaubsland

Bernd Fischer, Chef des Tourismusverbandes MV, im OZ-Interview zu Übernachtungszahlen und Chancen der Branche

Sonnenbaden im Strandkorb, wie hier in Kühlungsborn, ist für viele MV-Urlauber eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen.

Quelle: Foto: Frank Söllner

Rostock. Der Tourismus zählt zu den Schlüsselbranchen für Mecklenburg-Vorpommern. Bernd Fischer ist seit dem Jahr 1994 Geschäftsführer des Landestourismusverbands und hat den Wandel des Landes vom begehrten DDR-Sehnsuchtsort zum beliebtesten gesamtdeutschen Sommerreiseziel mitgestaltet.

 

OZ-Bild

Bernd Fischer, Chef des Tourismusverbands MV

FOTO: NORBERT FELLECHNER

Was bedeutet der Tourismus für MV?

Bernd Fischer: Der Tourismus hat für das Land Leuchtturmcharakter, gerade auch wegen seiner Verflechtung mit vielen anderen Bereichen, wie Einzelhandel, Kultur oder öffentlicher Nahverkehr. Hier würde vieles ganz anders aussehen, wenn der Tourismus nicht so stark wäre.

Pro Jahr werden rund 30 Millionen Übernachtungen gebucht. Wie viel geht da noch?

30 Millionen sind noch nicht das Ende. Für weiteres Wachstum müssen wir allerdings die Vor- und Nachsaison weiter stärken, etwa über kulturelle oder kulinarische Angebote. Andererseits haben wir auch einen Punkt erreicht, an dem wir eher ein qualitatives Wachstum brauchen als immer mehr Urlauber. Ziel muss eine höhere Wertschöpfung sein, etwa über den Verkauf regionaler Produkte. Es muss mehr aus MV auf den Tisch.

Wo ist denn noch Platz für Urlauber?

Auf Usedom haben wir schon eine hohe Verdichtung, auch auf Fischland-Darß-Zingst sind wir bereits im Grenzbereich. Auf Rügen und an der westlichen Ostseeküste geht noch was. Wichtig für Rügen wäre etwa eine weitere Marina. An der Seenplatte sind die Hotelkapazitäten sogar zurückgegangen, da besteht Handlungsbedarf.

Der Verkehr im Sommer kommt aber langsam an seine Grenzen ...

Wir brauchen mehr und besseren öffentlichen Nahverkehr. Der Urlauber darf sich nicht nur über das Auto definieren. Der Gast auf Rügen etwa fährt pro Urlaubswoche im Schnitt 200 Kilometer mit dem Auto. Wünschenswert wäre, wenn er auch auf das Elektrofahrrad, den Kleinbus oder den Schienenverkehr umsteigen würde. Auf Usedom sind wir schon ganz gut aufgestellt, an der Seenplatte muss dagegen noch nachgebessert werden.

Wird MV seinen ersten Platz im deutschen Sommertourismus halten?

Schleswig-Holstein hatte zuletzt höhere Steigerungsraten als wir, dort entstehen auch sehr moderne Hotelkonzepte. Auch unsere östlichen Nachbarn in Polen geben derzeit richtig Gas mit neuer Verkehrsinfrastruktur und neuen Hotels. Es ist daher die Frage, wie wir die teilweise in die Jahre gekommenen Hotels in MV auf den neuesten Stand bringen können. In manchen Häusern wurde seit 1995 nicht mehr viel gemacht. Wir müssen jetzt handeln, wo es uns noch gut geht, aber es fehlt ein wenig die Aufbruchstimmung.

Apropos Aufbruchstimmung: Erinnern Sie sich noch an den Tourismus zu DDR-Zeiten?

Es war voll. Die Einheimischen mussten morgens immer schnell in die Kaufhalle, um noch etwas zu essen und trinken zu bekommen. Auch in der Gastronomie war es für die Einheimischen schwer, einen Platz zu finden. Für die Urlauber war alles streng organisiert, die Zimmer wurden zugewiesen und das Essen ähnelte einer Massenabfertigung im Schichtsystem. Trotzdem waren die Gäste zufrieden, ein Ferienplatz an der Ostsee war schwer zu bekommen und es fehlte ja auch der Vergleich.

Was hat denn die Wende überlebt?

Geblieben sind etwa der Strandkorb und FKK. Die einstigen Betriebsferienheime wurden privatisiert und modernisiert. Und natürlich sind uns viele Stammgäste treu geblieben. 1991/92 blieb zwar ein Großteil weg, weil die Qualität schlecht, die Preise aber hoch waren. Viele wollten auch endlich andere Länder sehen. Es kamen dafür zwar viele neue Gäste aus den alten Ländern, insgesamt hatten wir aber eine Delle. Die Strände waren leer. Erst 1994/95, mit den ersten größeren Investitionen, ging es wieder aufwärts – bis heute.

Interview:

Axel

Büssem

Tourismusland MV

131 000 Beschäftigte sind in MV in der Tourismusbranche tätig. Die Wertschöpfung beträgt 4,1 Milliarden Euro. 7,6 Millionen Ankünfte verbuchten die Touristiker 2016 – 2,3 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Mit 30,3 Millionen Übernachtungen stellte die Branche einen neuen Rekord auf. Mehr als die Hälfte der Nächte schliefen Urlauber in privat vermieteten Betten. Die Hotellerie konnte sich im Vergleich zum Vorjahr um 3,8 Prozent auf 13,8 Millionen Übernachtungen verbessern. 380 000 Gäste aus dem Ausland zog es im vergangenen Jahr in den Nordosten. Sie buchten nur etwa drei Prozent aller Übernachtungen im Land. Bundesweit waren es hingegen 18 Prozent.

OZ

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