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Als Bloggerin beim Bachmann-Wettbewerb

Als Bloggerin beim Bachmann-Wettbewerb

Die Wienerin Stefanie Sargnagel macht am 30. Juni beim Wettlesen zum Bachmann-Literaturpreis mit / Das Literaturhaus in Rostock übertragt es „Open Air“ im Freigarten des Peter-Weiss-Hauses

Vor einem Jahr hast du in der Sendung „Zündfunk“ gesagt, das Bachmann-Wettlesen sei „wie Deutschland sucht den Superstar für Streber“. Jetzt bist du aber Ende Juni selbst mit dabei. Steckt doch eine Streberin in dir? Warum hast du dich entschlossen, mitzumachen?

Stefanie Sargnagel: Mich haben Jury-Mitglieder eingeladen und ich sehe es schon als eine Chance. Deshalb mache ich mit, obwohl ich eigentlich keine längeren Texte schreibe.

Und in welchem Zusammenhang ist der „Streber“-Satz entstanden?

Stefanie: Der ist entstanden, nachdem mich der „Zündfunk“ vor etwa einem Jahr gezielt zum Wettbewerb geschickt hatte. Ich wollte die Atmosphäre auffangen und aufschreiben, weil ich mich so gar nicht auskenne in der Literaturszene. Ich hatte mehr Spektakel erwartet und mehr schräge Eindrücke.

Hast du dich damit beschäftigt, wer noch antreten wird? Kennst du einen der anderen Autoren?

Stefanie: Ich hab’ die mal so kurz oberflächlich gegoogelt und mir die Bilder von ihnen angeschaut. Die Namen haben mir nichts gesagt. Ich verfolge auch kaum, was in der Kulturszene so passiert.

Liest du denn selber viel?

Stefanie: Social-Media und Zeitungsartikel lese ich viel, aber zum Buchlesen habe ich glaube ich die Konzentrationsfähigkeit verloren. Das habe ich tatsächlich eingebüßt durchs Internet, eine Art ADHS denke ich (Anm. d. Red.: „AufmerksamkeitsDefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom“). Früher habe ich auch viele Bücher gelesen, jetzt nicht mehr so.

Findest du das schade?

Stefanie: Eigentlich schon. Ich nehme mir schon immer wieder vor, Bücher zu lesen. Generell konsumiere ich aber einfach nicht viel Kultur. Ich will lieber selber etwas machen, anstatt von anderen Aufgearbeitetes zu lesen. Es ist beim Lesen von Romanen oder anderen längeren Texten auch so, dass mein Belohnungszentrum sich beschwert. Es ist darauf eingestellt, sehr assoziativ unterhalten zu werden, so dass man dauernd von einem Thema zum anderen springt, schnell was liest und direkt wieder das Nächste im Internet nachschaut.

Was für einen Text wirst du denn vorlesen? Allzu kurz darf der ja nicht sein!

Stefanie: Ich schreib ja bei Facebook viel über meinen Alltag und so. Es bezieht sich in der Regel immer aufs reale Leben. Deswegen ist es mir ziemlich schwergefallen, diesen Text zu schreiben. Ich habe ihn auch tatsächlich erst zwei Nächte vorm Abgabetermin geschrieben, weil ich gar nicht richtig weiß, wie man so was macht. Wenn ich nichts Konkretes zu erzählen habe, kann ich nicht einfach drauflosschreiben. Ich hab’ ein paar Ereignisse aus meinem Leben zusammengefasst.

Bis du zufrieden mit dem Text?

Stefanie: Es geht. Sprachlich finde ich ihn jetzt nicht so herausragend. Der Anfang ist eher schlecht, dann aber hat er einen gewissen Flow. Ich hab mein Bestes gegeben und versuche, eine gute Lesung zu machen. Wenn’s zerrissen wird, tut’s mir glaube ich auch nicht sehr weh. Das Portraitvideo ist mir viel wichtiger. Darauf bin ich sehr stolz und das ist viel eher das, was ich machen will – kleine Animationsfilme.

Im Vorwort deines aktuellen Buches „Fitness“ schreibst du, dass du dich zur Generation Callcenter zählst – junge Menschen, die noch nicht bereit sind, eine „sinnentleerte“ 40-Stunden-Arbeit anzutreten und stattdessen lieber für wenig Geld jobben gehen. Hast du das überspitzt formuliert oder ist das tatsächlich deine Einstellung?

Stefanie: Ich strebe schon ein möglichst stressfreies Leben an. Es war trotzdem als Witz gemeint. Es ist ja oft die Rede von der „Generation Praktikum“, da kenne ich aber niemanden, der so eine Einstellung hat. Fast alle wollen für möglichst viel Geld wenig arbeiten. Ich selbst arbeite gar nicht mehr im Callcenter, weil ich seit sechs Monaten selbstständig bin und eigentlich ganz gut verdiene.

2011 hast du in deinem Blog gepostet: „Es war einmal ein Künstler, der hatte gar kein Geld. Er bewarb sich im Callcenter. Ende.“ Jetzt scheint es ja so, als würdest du nicht mehr die ewige Jobberin bleiben. Stimmt es, dass du bald einen Vertrag bei einem großen Verlag unterschreiben wirst?

Stefanie: Es ist schon eine gewisse Pointe verloren gegangen. Ich vergleiche mich da aber mit Rappern, die über ihr hartes Leben im Ghetto rappen, und dann werden sie etabliert und langweilig und rappen nur noch darüber, wie viel Kohle sie haben und wie reich sie sind. Und so wird das bei mir jetzt wahrscheinlich auch.

Stimmt es denn, dass du gerade bei einem großen Verlag einen Vertrag unterschrieben hast?

Stefanie: Der liegt noch daheim, den muss ich nur noch wegschicken.

Hast du Angst davor, dass sich damit für dich einiges ändern wird und du eine andere Art von Leben führen wirst?

Stefanie: Vorher war es so, dass alle, mit denen ich zusammengearbeitet habe, auch Freunde waren. Jetzt ist es ein großer deutscher Verlag und es fühlt sich alles viel mehr nach Business an.

Ich hab das Gefühl, dass ich so langsam eine Art Geschäftstüchtigkeit brauche. Nicht jeder ist ein Freund, sondern viele wollen was von dir und du musst eine gewisse Reserviertheit haben, das finde ich schwierig und muss ich lernen.

Worüber wirst du als Nächstes schreiben?

Stefanie: Da wird’s keine große Veränderung geben. Weiter die Abenteuer von der Steffi halt.

Interview von Nele Baumann

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