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Berlinski Beat: „Spaß ist das Wichtigste“

Berlinski Beat: „Spaß ist das Wichtigste“

Die Berliner Musiker erwecken mit ihrer Platte „Fräulein, könn’ Sie linksrum tanzen?“ die Straßenmusik der 20er Jahre wieder zum Leben / Am 17. September stehen sie in Rostock auf der Bühne

Interview von Nele Baumann

Dem OZelot sagt Castus Karsten Liehm, wie es ist, auf zwei Hochzeiten zu tanzen und warum er vor vielen Jahren aus der DDR geflohen ist.

Castus, ihr zollt mit eurer Musik einen Tribut an die 20er Jahre. Was gefällt euch an dieser Zeit?

Castus Karsten Liehm: Die Kunst wurde damals sehr hoch gestellt. Es war eine Umbruchzeit und auch wenn der Umbruch später nach der Weimarer Republik in einer Katastrophe endete, war das Berlin der 20er Jahre eine große Kulturstadt – so wie jetzt im Prinzip auch. Hier treffen sich Leute aus der ganzen Welt und machen zusammen Kultur. Nichts anderes machen wir bei Berlinski Beat. Wir sind Leute aus ganz Europa und machen zusammen Musik mit einer Hommage an die 20er Jahre.

Würdest du gerne mal eine Zeitreise dahin machen, wenn es möglich wäre?

Castus: O ja. Dieses Zeitalter war so schön verrückt. Ich würde aber nur mit Gold in der Tasche hinreisen wollen. Das war ja damals noch richtig was wert.

Euer Titelsong, „Fräulein, könn’ Sie linksrum tanzen?“, spielt der ironisch auch aufs politisch linke Lager an?

Castus: Das muss jeder für sich selber sehen. Dieser Song ist aus den 20er Jahren und jeder weiß, was danach passiert ist. Mehrere Lieder auf der Platte spielen mit dem, was nach den 20er Jahren kommt. „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“ etwa ist aus dem Film „Tanz auf dem Vulkan“ und Hitler hat den Song damals verboten. Den müssen wir natürlich mit reinnehmen. Eigentlich ist unsere Musik unpolitisch. Wenn man allerdings mit Menschen aus aller Welt zusammen Spaß hat, ist das ja auch schon eine politische Überzeugung. Bei unseren Konzerten können die verschiedensten Menschen zusammenkommen, und egal was sie denken und wie sie ticken, können sie zusammen Spaß haben.

„Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ ist auch zu hören.

Castus: Da haben wir wie bei einigen anderen Songs die Originalmelodie genommen und den Takt in einen Zweivierteltakt umgewandelt, damit er tanzbarer ist. Bei „Fräulein, könn’ Sie linksrum tanzen?“ haben wir das auch so gemacht.

Selbst geschrieben habt ihr den Song „Ick fahr im Kreis“. Da heißt es: „Ick fahr im Kreis / mit der Gitarre um den Hals“. Da geht’s um die Berliner Ringbahn, die oft voller Straßenmusiker ist Habt ihr darin schon mal Musik gemacht?

Castus: Haben wir, aber das ist schon lange her. Das haben wir auch nicht als „Berlinski Beat“ gemacht, sondern als Corvus Corax, unser anderes Bandprojekt. Straßenmusik haben wir schon auf der ganzen Welt gemacht. So haben wir angefangen und das Publikum ist das ehrlichste, das man haben kann. Die Leute geben einem nur etwas, wenn’s wirklich gut ist (lacht).

Du bist auch noch Sänger der Mittelalter-Band Corvus Corax und auch die anderen Musiker von Berlinski Beat sind da aktiv. Ist das stressig, so ein Doppelleben?

Castus: Klar ist es stressig, aber auch total lustig. Wir waren zum Beispiel in Kanada mit Corvus Corax und unsere Managerin hat einfach gesagt: „Leg noch ein bisschen Geld drauf, dann hast du zwei Bands.“ Auf diesem Festival sind wir dann mit beiden Projekten aufgetreten und die Leute haben das total angenommen. Natürlich wird man da ein bisschen schizophren, aber dann muss man halt zum Doktor gehen. (lacht)

Am 17. September spielt ihr in Rostock. Da wart ihr schon öfter, oder?

Castus: 2013 waren wir schon mal im Zwischenbau und mit Corvus Corax haben wir öfter mal in einer Kirche gespielt.

Kommen da Erinnerungen an alte Ost-Zeiten hoch? Ihr seid ja vor vielen Jahren aus der damaligen DDR geflüchtet.

Castus: In Rostock waren wir zu DDR-Zeiten öfter, um Freunde zu besuchen. Da lebten einige Abtrünnige, die wie wir vom Staat überwacht wurden. Es sind aber keine schlechten Erinnerungen, die wir mit Rostock verbinden. Ich bin gerne dort.

Wie seid ihr denn geflohen?

Castus: Kurz vor der Massenflucht über Ungarn haben wir gehört, dass man da relativ leicht rüberkommt. Da haben wir uns mitsamt unseren Instrumten an die ungarische Grenze bringen lassen und sind über den Zaun geklettert. Danach sind wir erst mal durch Europa gereist und haben in England einen ganz seltsamen Film gesehen, in dem die Menschen auf der Mauer getanzt haben (lacht). Wäre ich nicht geflohen, hätte ich zur Armee gehen müssen.

OZ

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