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„Das Meer berührt mich“

„Das Meer berührt mich“

Die Berliner Autorin Sarah Kuttner liest am 7. November in Rostock aus ihrem aktuellen Buch „180° Meer“ / Dem OZelot sagt sie, warum sie sich kritische Artikel zu ihren Romanen nicht durchliest

Sarah, in deinem aktuellen Buch „180° Meer“ geht es um eine Frau, Jule, die die Welt und vor allem sich selbst zu hassen scheint. In was für einer Stimmung warst du, als du den Roman begonnen hast?

Sarah Kuttner: Meine Stimmung hat nichts mit dem Buch zu tun. Es ist nicht so, dass ich dasaß und alles scheiße fand. Ich wollte schon immer mal ein Buch über einen unglücklichen Menschen schreiben. Vor vier Jahren hatte ich das Thema schon mal aufgegriffen und etwas dazu geschrieben, es dann aber wieder verschoben.

Schreibst du deine Bücher einfach so runter? Wie gehst du da vor?

Sarah: Bevor ich ein Buch beginne, steht bei mir lediglich ein grobes Gerüst. Ich weiß in etwa, was ich erzählen will, wo es enden soll. Beim Schreiben kristallisieren sich dann erst die Details und die Persönlichkeiten der Hauptfiguren genau heraus. Es ist dann manchmal, als könnte ich mir selber beim Schreiben zuschauen.

Was kann man sich unter einer „zahnfarbenen Aura“ vorstellen, die Jule sich selbst zuschreibt?

Sarah: Es gab doch mal eine Zahnpasta-Werbung, in der eine Lehrerin fragt: „Welche Farbe hat meine Jacke?“ Da antworten die Kinder eindeutig. Dann fragt sie: „Und meine Zähne?“ Da drucksen alle herum und wissen sie nicht so genau zu benennen. „Beige vielleicht?“ So stelle ich mir Jule vor: zahnfarben, nicht genau definierbar – eine weniger schöne und weniger saubere Variante von Weiß.

Wie viel von Jule bist du selber?

Sarah: Irgendwas von mir steckt natürlich in allem, was ich schreibe. Beobachtungen, die ich irgendwann mal gemacht habe oder Gefühle, die ich empfunden habe, finden sich in meinen Büchern in irgendeiner Form wieder. Die Geschichte der Hauptpersonen ist aber nie meine.

Die Mutter der Romanheldin kommt aus Stralsund. Hast du zu der Stadt besondere Verbindungen?

Sarah: Ich habe mir einfach eine Stadt ausgesucht, die an der Ostsee liegt, weil ich ein großer Ostsee-Fan bin. Ich war mit meiner Familie als Kind immer in den Herbstferien dort: meistens auf dem Darß. In „180° Meer“ spielt das Meer für die Protagonistin eine wichtige Rolle, also sollte die Geschichte am Meer spielen.

Ist das Meer für dich etwas Besonderes? Jule verbindet es in deinem Buch mit „düsterer Aussichtslosigkeit“, das „fasziniert“ und „rührt“.

Sarah: Wie Jule mag ich das Meer gerne kalt und düster. Es berührt mich am meisten im Herbst und im Winter. Im Sommer dagegen kann ich mit Meer nicht viel anfangen.

Ein Hund hilft Jule in deinem Buch, sich selbst wieder mehr zu lieben. Du hast selbst auch einen Hund,oder?

Sarah: Ja. Mein Hund hat, ähnlich wie der im Buch, einige merkwürdige aber auch sehr liebenswerte Macken, also wollte ich ihn mit einbauen. Anfangs eher als eine Art auflockerndes Accessoire, aber im Laufe des Schreibprozesses bekam er eine wichtigere Rolle als anfangs geplant. Mit seiner komischen Kaputtheit passt er wahnsinnig gut zu Jule und ihrer eigenen Kaputtheit, so dass die zwei irgendwie partners in crime werden.

Du selbst hast für deine Romane schon das Wort „Befindlichkeitsliteratur“ benutzt. Findest du es langweilig, wenn Befindlichkeiten nicht im Vordergrund stehen?

Sarah: Für mich ist es wichtig, dass es Konflikte gibt. Ich mag, dass es nicht um so offensichtlich große Themen geht. Klar geht es auch um Krebs, an dem Jules Vater erkrankt ist, aber nur am Rande, wichtiger ist die ernüchternd unheilbare Beziehung zwischen Vater und Tochter.

Liest du dir alle Kritiken durch?

Sarah: Ich mache diesen Fehler immer ganz am Anfang, bin dann doch recht verletzt, wenn das Buch irgendwo verrissen wird und höre dann wieder auf, so was zu lesen. Es bringt ja auch nichts:

Das Buch ist bereits nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben, Kritiken können daran nichts mehr ändern.

Wie erklärst du dir den Erfolg deiner Bücher? Hängt das auch damit zusammen, dass du schon vorher bekannt warst?

Sarah: Sie sind ja nicht alle gleich erfolgreich. Über diese Frage habe ich aber mit meinem Lektor auch mal gesprochen. Er meinte, wenn es den Lesern in erster Linie um meinen Namen gehe, würde man vielleicht ein paar tausend Bücher verkaufen können, aber nicht mehr. Ich denke, es liegt in erster Linie daran, dass meine Art zu schreiben den Leuten gefällt und dass ich über etwas schreibe, das sie nachvollziehen können.

Du kommst am 7. November nach Rostock. Hier bist du ja schon öfter aufgetreten. Hast du hier Freunde?

Sarah: Ohhh, Rostock . Ich mag die Stadt wirklich gerne. Freunde habe ich in der Stadt nicht, aber ich bin schon oft dort aufgetreten und habe privat Zeit dort verbracht. Das Publikum ist ein sehr besonderes, im positiven Sinne. Auf Rostock freue ich mich immer sehr.

Wirst du dich in Zukunft aufs Bücherschreiben konzentrieren oder hast du auch im Fernsehbereich neue Pläne? Deine Sendung „Kuttner plus Zwei“ wird es ja 2017 nicht mehr geben, oder?

Sarah: Die Sendung wird es leider nicht mehr geben, aber ich habe Lust, mal wieder was im Fernsehbereich zu machen.

Interview von Nele Baumann

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