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„Die Songs wollten bunter sein“

„Die Songs wollten bunter sein“

Die Sängerin Charlotte Brandi und der Schlagzeuger Matze Pröllochs alias Me And My Drummer stellen am 9. Dezember in Helgas Stadtpalast ihr Album „Love Is A Fridge“ vor

Dem OZelot sagt die Sängerin Charlotte Brandi, warum sie sich ein neues Label gesucht und ein fast komplett produziertes Album wieder „in die Tonne gekloppt“ haben.

Charlotte, im Februar ist euer aktuelles Album erschienen und direkt danach bist du erst mal krank geworden. Ihr musstet alle Konzerte absagen. Geht es dir jetzt gut?

Charlotte Brandi: Ich bin wieder ein bisschen krank und wir mussten ein paar Italien-Shows absagen. Die Konzerte in Deutschland werden aber alle stattfinden.

Die neue Platte klingt experimentell und weniger melancholisch als ihre Vorgänger. Ihr mischt 80er-Jahre-Sound mit leisen Geigen und Folk-Elementen. Und Charlotte spielt E-Gitarre. Stand euch der Sinn nach Neuem?

Das ist immer ein eigenes Wesen, so eine Platte. Es gibt ein schönes Zitat vom Schriftsteller Michael Ende, der sagte, dass es immer ein gutes Zeichen sei, wenn man den eigenen Figuren irgendwann hinterherschreiben muss, weil die selbstständig sind und ein Eigenleben führen. Dieses Gefühl hatten wir auch irgendwann bei dieser Platte. Dass die von uns was will und nicht wir von der Platte. Wir haben uns sozusagen den Bedürfnissen der einzelnen Lieder gebeugt und versucht, ihnen zu geben, was sie brauchen. Und die wollten offensichtlich bunter, heller, tanzbarer und geradliniger, aber auch eklektischer sein. Wir sind mit dem Ergebnis ganz zufrieden.

Habt ihr tatsächlich eine ganze Platte in die Tonne gekloppt?

Hmmm ... Zwei Drittel würde ich sagen (lacht). Es gibt sozusagen ein fiktives Album in einem Paralleluniversum, was existiert hätte. Von dem ist noch ein Drittel übrig geblieben.

Wart ihr da einfach nicht mit zufrieden?

Da ist es uns nicht unter den Händen explodiert und wir mussten hinterherproduzieren. Da war irgendwie alles mühsam und bestimmte Weichen, die wir uns gestellt haben, haben sich als falsch erwiesen.

Manchmal muss man dann den Weg, den man bereits gegangen ist, abbrechen und wieder zurückrudern. Vorausgesetzt natürlich, man merkt das, bevor es zu spät ist.

Und wie ging’s weiter nach dieser schweren Entscheidung, zurückzurudern?

Danach ist uns erst einmal das Geld ausgegangen. Wir haben dann versucht, selber an der Platte herumzuproduzieren. Aber da sind wir auch an unsere Grenzen gestoßen. Es war eine schwierige Zeit, in der wir gemerkt haben, dass wir eine außenstehende Person dazuholen müssen, die uns unterstützt. Unser „Deus ex Machina“ wurde dann Olaf Opal, ein befreundeter Produzent. Der hat uns sozusagen an den Haaren aus dem Dreck gezogen und hat uns so viel Selbstbewusstsein zurückgegeben, dass wir die Platte noch fertiggestellt haben.

Seid ihr beim aktuellen Album anders vorgegangen als beim Vorgänger?

Das erste Album ist durch Jams entstanden, die wir zu zweit in unserem Proberaum in Berlin gemacht und mitgeschnitten haben. Das war eine sehr spontane Herangehensweise. Das zweite Album war dagegen wesentlich konzeptioneller und bestand vor allem aus Skizzen und Demos, mit denen ich viel Zeit verbracht hatte, bevor Matze sie noch beeinflusst hat. Matze war dann plötzlich eine Schnittstelle zwischen Produzent und Band. Ich glaube, er entwickelt sich immer mehr Richtung Produzent, was seine Wahrnehmung betrifft und kann Musik gut von außen beurteilen – mit Distanz.

Worum geht’s in dem Song „Tie Me Bananas“?

Mit diesem Song wollte ich eine Stimmung kreieren, die einen umarmen soll – im harten Kontrast zum Thema, das mich zu dem Stück inspiriert hat, nämlich der Krebstod von Christoph Schlingensief.

Es gibt ja diese Tagebücher von ihm, in denen er schreibt, dass er so unfassbare Angst hat zu sterben. Ich wollte ihm so eine Art Trostlied schreiben, das ein wohliges Gefühl ohne Ecken und Kanten vermittelt.

Hast du ihn persönlich gekannt? Meine Tante und mein Onkel waren Bekannte von ihm. Ich hab’ ihn nicht persönlich kennengelernt und fand auch nicht alles toll, was er gemacht hat. Viele seiner politischen Aktionen waren aber einfach einzigartig damals: Den Badesee von Helmut Kohl mit Arbeitslosen zu fluten etwa. Ich fand das irgendwie gut, wie er stören wollte. Der war schon ein bisschen so etwas wie der bessere Jan Böhmermann.

Hast du ein Lieblingslied auf der Platte?

Ich hab zwei: „Blue Splinter View“ und „Gun“. Letzteres entspricht einem ganz bestimmten Modus, in dem ich mich manchmal befinde. Es ist uns da irgendwie gelungen, diesen Modus von der ersten bis zur letzten Note und mit einem stimmigen Soundgewand passend auf Platte zu bannen. Deswegen mag ich das Lied sehr.

Kennengelernt habt ihr euch in Tübingen. Da habt ihr Bühnenmusik geschrieben und gespielt. Arbeitet ihr ab und an noch fürs Theater? Die Zeiten sind erst mal vorbei. Wir haben noch Kontakt zu manchen Ex-Schauspielern dieses Landestheaters, die meisten arbeiten aber gar nicht mehr dort, weil das Personal fast komplett ausgewechselt wurde.

In Rostock habt ihr schon öfter gespielt. Sind euch die Auftritte in Erinnerung geblieben?

Ja, ich hab’ letztens erst einen Tagebucheintrag von mir gelesen vom Auftakt unserer ersten Tour von uns mit Label im Rücken. Das war auf der Stubnitz, diesem Schiff. In dem Eintrag steht drin: „Mir ist schlecht, ich kotze vor Angst, aber die Atmosphäre hier ist wirklich schön.“ Also das ist ein furchtbar zerrissener Eintrag, der von ganz viel Aufregung und Angst zeugt, aber auch Freude über diesen Ort. Der war auch wirklich sehr besonders – vor allem, wie sie es geschafft haben, ihn warm zu halten. Es war nämlich unfassbar zugig und kalt, weil’s im Winter war. Interview: Nele Baumann

OZ

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