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Hauptsache unkorrekt!

Hauptsache unkorrekt!

Das Berliner Rock-Duo „Milliarden“ steht am 25. November im Rostocker Mau-Club auf der Bühne / Der OZelot sprach mit dem Sänger und Gitarristen Ben Hartmann (30, r.)

Im Schauspielstudium haben sich Johannes Aue (27, u.a. Klavier) und Ben Hartmann kennen- und schätzen gelernt. Ihr Song „Freiheit is ne Hure“ untermalte Anfang des vergangenen Jahres als Titeltrack Oskar Roehlers Punk-Groteske „Tod den Hippies“. Ihr Debütalbum „Betrüger“ erschien im August.

Euer Song „Milliardär“ lief im Radio hoch und runter. Darin singt ihr: „Ohne was zu haben, habe ich Milliarden“. Spiegelt das eure Lebensphilosophie wider?

Ben Hartmann: Es spiegelt einen Teil unserer Realität wider. Wir können im Kulturprekariat Berlin auch ohne viel Geld überleben. Wenn man die Miete bezahlen kann, kriegt man alles andere schon irgendwie organisiert. Es ist ein Teil unseres Lebens, so zu funktionieren und darin auch Qualitäten zu entdecken. Wer so lebt, kann nämlich viel Balast abschütteln.

Ihr könnt jetzt aber doch bestimmt gut vom Musikmachen leben, oder?

Johannes und ich sind immer noch im Dispo (lacht). Wir beide schreiben ja die Songs und dann gehören noch drei Freunde mit zur Band.

Empfindet ihr euren Alltag jetzt als stressig?

Es geht. Es wird jetzt schon stressiger, weil jeden Tag ganz schön viel passiert. Zum Wäschewaschen komme ich kaum noch. Wenn ich in den Briefkasten schaue, ist da irgendwas, was ich beantworten oder überweisen muss. Da komme ich gerade aber nicht zu. Ist aber auch okay, weil ich das Geld eh noch nicht so richtig habe. Das kann ruhig noch ein bisschen warten.

Johannes und du habt euch beim Schauspiel-Studium kennengelernt. War sofort klar, dass ihr musikalisch zusammenpasst?

Es war sofort klar, dass da viele Schnittstellen sind. Wir haben uns kennengelernt und ich hab’ ihn direkt gefragt, ob wir mal ein Lied von mir zusammen spielen können, und es hat Spaß gemacht. Ohne es zu definieren, ging es danach einfach weiter. Wir haben uns gar nicht die Frage gestellt, wo es hinlaufen soll, sondern einfach wie besessen Lieder geschrieben.

Wer von euch hat sich den Bandnamen ausgedacht? Warum habt ihr euch für „Milliarden“ entschieden?

Dieses Wort stand mal in großen gesprühten Lettern an einem Theater, an dem ich gearbeitet habe. Die Leute aus dem Kulturhaus haben sich darüber aufgeregt, dass ihr Theater beschmutzt war. Dabei war das die hingebungsvollste Kritik, die man einem Kulturhaus machen kann, weil es der einzige Ort ist, der sich so einem Begriff noch widmen kann. Damals ist mir dieses Wort aufgefallen – mitten in der Finanzkrise 2007 bis 2008. Wir finden, es beschreibt uns und unsere Zeit ganz gut.

Mit „Freiheit ist ’ne Hure“ habt ihr den Soundtrack zum Oskar-Röhler-Film „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ geschrieben. Was haltet ihr von dem Film?

Wir haben uns sehr darüber gefreut, diesen Track beisteuern zu dürfen. Es ist ein sehr besonderer Film, weil er sehr absurd von einer Zeit und einem Innenleben erzählt. Wir waren da wirklich stolz drauf.

In dem Song singt ihr: „Ich will Frieden/ Ich will Krieg/ Ich will immer alles anders / als es heute aussieht“. Seid ihr Rebellen?

Das kommt drauf an, wie man den Begriff Rebellion deutet. Wir sind nicht solche Rebellen wie die der 70er Jahre. Heutzutage läuft Systemkritik ja eigentlich ins Leere, weil sie zum System dazugehört.

In so einer Zeit drückt sich Rebellion meiner Meinung nach in einer Form von Unkorrektheit aus. Danach sehnen wir uns, nach dem unkorrekten Moment. Deshalb verbinden wir so Begriffe wie Popstardasein und Holocaust oder Werbejingles mit Hitlerzitaten. Sowas geht heutzutage.

„Laut.de“ schreibt, dass ihr „die Kopie einer Kopie“ seid – „in schlecht“. Trifft euch so was oder steht ihr da drüber?

Ich habe diese Kritiken noch nicht gelesen. Wenn ich das jetzt so höre, trifft es mich aber auch nicht. Wir leben in einer Zeit, in der sich sozusagen die Kopie aus der Kopie aus der Kopie gespeist hat. In dem Sinne ist für mich auch die Kritik die Kopie einer Kopie einer Kopie. Manchen Leuten gefällt, was mir machen, anderen nicht und das finden wir auch okay. Wir polarisieren lieber, als dass wir unbedingt allen gefallen wollen. Kritische Stimmen sind mir deshalb auch ziemlich egal.

Sind Rio Reiser und seine Band Ton, Steine, Scherben denn ein Vorbild von euch?

Die Leute wollen immer gerne, dass das so ist. Er ist unstreitbar eine Ikone, die wir unfassbar anerkennen. Ich finde seine Musik und vor allem seine Persönlichkeit toll. Rio Reiser singt in seiner Naivität über etwas, von dem er überzeugt ist und von dem man auch Kraft gewinnt. Das bewundere ich, weil ich finde, dass ihn das als Künstler ausmacht.

Ende November spielt ihr in Rostock. Kennt ihr die Stadt?

Ich kenne Rostock nicht sehr gut, aber ich war schon ein paar Mal dort. Ich kenne den Hafen und ich war mal 2007 da, als der G8-Gipfel war. Wir haben auch schon mal im Mau-Club gespielt. Wenn ich jetzt drüber rede, fällt mir so manches wieder ein. Ich mag die Ostsee generell sehr gerne und war als Kind auch oft da. Die meisten Berliner fahren ja im Sommer an die Ostsee.

Interview: Nele Baumann

OZ

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