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Lasst ihr euch von eurem Handy leicht ablenken?

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Gesenkten Blickes – so laufen immer mehr vor allem junge Leute durch die Straßen. Bumms! Was steht denn da plötzlich eine Laterne im Weg? Und warum hupt das Auto so wild?

Gesenkten Blickes – so laufen immer mehr vor allem junge Leute durch die Straßen. Bumms! Was steht denn da plötzlich eine Laterne im Weg? Und warum hupt das Auto so wild?

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Gesenkten Blickes – so laufen immer mehr vor allem junge Leute durch die Straßen. Bumms! Was steht denn da plötzlich eine Laterne im Weg? Und warum hupt das Auto so wild?

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Wer auf sein Smartphone fixiert ist, der bekommt häufig nicht mit, was um ihn herum passiert. Da kommt es schon mal vor, dass junge Frauen wie Anastasia Zhuravel (23) aus Rostock „smartphoneversunken“ vor einer Ampel stehen, nicht bemerken, dass diese auf Grün springt – und sich irgendwann wundern, dass sie immer noch rot ist. Andere, wie die Rostockerin Eileen Häusler (23), fahren mit der Straßenbahn an ihrer Haltestelle vorbei, weil das digitale kleine Kommunikationsgerät einfach spannender war oder gehen, wie Norman Brandenburg (21) aus Stralsund, aus Versehen über eine rote Ampel.

Im Ausland ist das nicht anders als hierzulande. Im chinesischen Wenzhou beispielsweise hat der Fall einer jungen Frau die Behörden aufgeschreckt. Eine Überwachungskamera zeichnete auf, wie die Frau – vertieft in ihr Smartphone – von der Straße abkommt und in einen Fluss stürzt. Am nächsten Morgen entdeckt die Polizei ihre Leiche. Die Behörden wollen nun vor der grassierenden Display-Fixierung im Straßenverkehr warnen. Derweil haben die Landsleute im chinesischen Chongqing schon reagiert. Dort gibt es geteilte Fußwege, eine Gehspur ist speziell für Smartphone-Passanten gedacht.

In Australien drohen jedem Fußgänger, der beim Gehen auf seinem Smartphone tippt, empfindliche Geldstrafen.

Deutschland kontert nun mit Bodenampeln für die bedrohte Spezies der Dauer-Nutzer, die noch so quietschende Straßenbahn-Gesänge nicht mehr wahrnehmen. Und so bahnt sich die digitale Revolution ganz andere Wege als gedacht. Anstatt digital zu revoltieren, riskieren Menschen, getrieben von unstillbarer Neugier, zunehmend ihr Leben – und das ihrer Mitmenschen. Und anstatt für schnelle digitale Wege unter der Straße zu sorgen, beampeln Städte wie Bonn oder Augsburg lieber ihre Smartphone-Bürger. Ist das der richtige Weg?

„Nein!“ Das sagt der Digitalexperte Gerald Lembke: „Der Staat soll nicht die Symptome reparieren und die unentwegte Nutzung mit Smartphone-Ampeln auch noch befeuern“, sagt Lembke. Stattdessen solle er deutlich mehr in Aufklärung und Prävention investieren. Eine vor kurzem erschienene Untersuchung des Deutschen Kraftfahrzeug-Überwachungs-Vereins (Dekra) zeigt, wie fixiert junge Leute auch im Straßenverkehr auf ihr Handy sind. Die Dekra-Unfallforscher waren in den europäischen Haupstädten Amsterdam, Berlin, Brüssel, Paris, Rom und Stockholm unterwegs und beobachteten dort an stark fußgänger-frequentierten Stellen die Smartphone-Nutzung der Passanten. Das Ergebnis: 23,5 Prozent der Stockholmer Fußgänger nutzten ihre mobilen Digitalgeräte am häufigsten, gleich gefolgt von Berliner Passanten (14,9). Am Ende der Liste finden sich die Amsterdamer Bürger (8,2 Prozent). In Rom waren es 10,6 Prozent, in Brüssel 14,1 Prozent und in Paris 14,5 Prozent. Über alle Städte und Altersgruppen hinweg tippten knapp acht Prozent der Fußgänger beim Überqueren der Straße Texte ins Smartphone. Weitere 2,6 Prozent telefonierten und rund 1,4 Prozent übten sich im Multitasking-Triathlon: Sie liefen, telefonierten und tippten zugleich. Rund fünf Prozent trugen Ohrstöpsel oder Kopfhörer und hörten vermutlich Musik. Die Altersgruppe zwischen 25 und 35 Jahren nutzte das Smartphone in der Innenstadt am häufigsten (22 Prozent).

Die meisten dieser Fußgänger verunglücken innerorts, in Deutschland sind das etwa 70 Prozent. Falsches Verhalten der Fußgänger macht dabei etwa zehn Prozent aus, häufigste Ursache: das Nichtbeachten des Fahrzeugverkehrs – verursacht zunehmend durch Smartphone-Nutzung.

Dekra hat Fußgänger in sechs europäischen Städten beobachtet

Verkehrsexperten schätzen die Zahl der Verstöße gegen das Handyverbot auf 1,3 Milliarden jährlich. Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) ist der Ansicht, dass die Fahrer „die Handynutzung für ein Naturrecht halten“. Vor allem Jüngere könnten dem Smartphone-Druck kaum eine halbe Stunde widerstehen Unfallforscher des Konzerns Dekra haben in sechs europäischen Hauptstädten das Smartphone-Verhalten von Passanten untersucht und dabei teils extreme Ablenkung beobachtet. In einem Fall kollidierte sogar eine Gruppe junger Menschen, die auf ihr Smartphone starrte(n), mit einem Fahrradfahrer.

Gerald Lembke ist Betriebswirt, Buchautor und Berater für den Einsatz und den Umgang mit Digitalen Medien in Wirtschaft und Gesellschaft und hat das Buch „Die Lüge der Digitalen Bildung“ geschrieben (mit Ingo Leipner).

„Die Lüge der Digitalen Bildung“, Redline Verlag, 19,99 Euro

Christoph Ecken und Nele Baumann

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