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Neigt ihr dazu, etwas aufzuschieben?

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Es ist noch so lange hin bis zur Prüfung. Soll sie sich tatsächlich jetzt schon mit dem Stoff befassen? Caro Strehlow (19) aus Rostock ist ein Mensch, der gerne Dinge aufschiebt.

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„Ich schiebe Dinge sehr gerne auf. Seitdem ich studiere, versuche ich aber, alles gleich zu erledigen, auch wenn es bis in die Nacht hinein dauert.“Katharina Passehl (19) aus Rostock

Es ist noch so lange hin bis zur Prüfung. Soll sie sich tatsächlich jetzt schon mit dem Stoff befassen? Caro Strehlow (19) aus Rostock ist ein Mensch, der gerne Dinge aufschiebt. „Ich denke mir immer: ,Es sind ja noch zwei Wochen, das kann ich auch noch morgen machen‘ und so zieht es sich von Tag zu Tag, bis irgendwann keine Zeit mehr ist“, sagt die junge Frau, die gerade ihr Studium an der Uni Rostock begonnen hat. „Ich bin so ein Mensch, der den Druck braucht, um effektiv arbeiten zu können. Bisher hat das auch immer gut funktioniert.“ Sie hat sich trotzdem vorgenommen, ihr Verhalten zu ändern. Denn beim Studieren kann es, so glaubt sie, schnell schiefgehen.

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Es ist noch so lange hin bis zur Prüfung. Soll sie sich tatsächlich jetzt schon mit dem Stoff befassen? Caro Strehlow (19) aus Rostock ist ein Mensch, der gerne Dinge aufschiebt.

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Mit dieser Vermutung liegt sie in vielerlei Hinsicht richtig. Laut einer aktuellen Studie der Uni Mainz leiden mehr Studenten unter chronischer „Aufschieberitis“ als etwa Auszubildende oder Gleichaltrige, die bereits einen Beruf ausüben. Befragt wurden 2 527 Personen im Alter von 14 bis 95 Jahren. „Betroffen waren vor allem junge Männer“, sagt Studienleiter Professor Manfred Beutel.

„Die Studie bestätigt, dass ausgeprägtes Aufschiebeverhalten von wichtigen Tätigkeiten mit Stress, Depression, Angst, Einsamkeit und Erschöpfung einhergeht. Insgesamt war bei Prokrastination auch die Lebenszufriedenheit verringert“, ergänzt der Psychologe.

Als chronisch gilt Aufschieberitis erst dann, wenn sie krasse Folgen (wie etwa einen Studienabbruch) für die Betroffenen hat und wenn diese trotzdem nicht in der Lage sind, ihr Verhalten zu ändern.

Mit solchen Fällen haben es auch Senior-Professor Fred Rist und seine Mitarbeiter der Prokrastinations-Ambulanz Münster häufig zu tun. An die Psychotherapeuten der Ambulanz können sich alle Studierenden wenden, die unter ihrem Aufschiebeverhalten leiden und Hilfe suchen. „Sie können sich bei uns beraten lassen und, wenn sie möchten, im Anschluss an einem fünfwöchigen Training teilnehmen“, sagt Rist. Bei diesem Training lernen sie dann, ihr Verhalten zu ändern. „Viele Studenten schaffen es zu Beginn des Trainings nicht, länger als zwanzig Minuten zu arbeiten.“ Diese Zeit dehnen sie dann Stück für Stück aus.

Wie das gelingt? „Die jungen Leute lernen, wie sie arbeiten können, ohne sich dabei abzulenken“, sagt Rist. Dabei helfe es, die Smartphones wegzustecken und sich zu überlegen, was sie realistisch schaffen können. „Viele denken: ‘Morgen erledige ich ganz viel‘, zum Ausgleich dafür, dass sie heute so wenig geschafft haben. Das ist grotesk.“ Besonders aufzehrend für die Betroffenen sei es, dass sie sich in der Regel trotzdem so fühlten, als hätten sie einen stressigen, vollgepackten Tag hinter sich — und dazu noch ein nagendes schlechtes Gewissen. „Viele leiden auch unter Schlafstörungen und allgemeiner Lebensunlust.“

Um die Zeit, die sie am Stück arbeiten, auszudehnen, mache es Sinn, systhematisch in kleinen Schritten vorzugehen, rät Rist. Auch sei es hilfreich, dabei immer genau zu einer festgelegten Zeit anzufangen. „In der ersten Woche geht es nur darum, sich selbst zu beobachten und aufzuschreiben, wie man sich verhält.“

Nach den fünf Wochen schafften es die meisten, mehrere Stunden konsequent zu arbeiten. „Da sind natürlich Kaffeepausen als Belohnung zwischendurch mit eingerechnet.“

Etwa 150 junge Studierende wenden sich im Jahr an die Prokrastinationsambulanz Münster. Manche lassen sich nur beraten, andere nehmen auch am Training teil. „Wenn sie das hinter sich haben, sind sie in der Regel wieder in der Lage, zu studieren“, sagt Rist. Ein Student, an den er sich noch gut erinnern kann, habe plötzlich sogar wieder Zeit für ganz andere Dinge gehabt. „Er hat seiner Freundin einen Schrank gebaut, in seiner Freizeit.“

Eine Trennlinie ziehen zwischen Freizeit und Arbeit — das ist eines der Ziele, auf das die Münsteraner Therapeuten mit ihren Patienten hinarbeiten. Und sie wollen erreichen, dass mehr über diese Störung bekannt wird und die Betroffenen wissen, wo und wie sie Hilfe finden können. Wer nicht genau weiß, wie ausgeprägt sein Aufschiebeverhalten ist, kann das durch einen Online-Selbsttest der Prokrastinations-Ambulanz herausfinden.

Die Wissenschaftler der Uni Mainz um Professor Beutel haben sich vorgenommen, mit künftigen Auswertungen ihrer Studie herauszufinden, inwieweit sich Ablenkungen durch Computer und Smartphone auf Prokrastination auswirken.

Hier gibt‘s Hilfe!

Psychologische Beratung

Rostock

Global Café

Parkstraße 6, („grünes Ungeheuer“)

rechts 2. Etage, Raum 220 (ab dem 17.5. im Raum 227); Dienstag: 9 - 15 Uhr oder 13- 19 Uhr

Wismar

Hochschule Wismar

Hauptgebäude, EG, Raum 129 (barrierefrei); jeden 2. Fr, gerade Woche bevorzugt 11 - 15 Uhr Greifswald

Christin Rewitz/ Daniel Herz,

Am Schießwall 1 — 4,

Dienstag: 9 - 12 Uhr / 14 - 17 Uhr (Christin Rewitz)

Donnerstag: 9 - 12 Uhr / 14 - 16 Uhr (Daniel Herz)

Von Nele Baumann

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